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Synthetisch, praktisch, gut? …über Produktion und Einsatz von Fasern

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zurückhaltende Schönheit der Leinpflanze - © https://www.kronplatz.com/website/var/tmp/image-thumbnails/500000/509090/thumb__detail-galleryimage/flachs-leinen-im-volkskundemuseum_12816060_37bd9b3b932f4432acbc94fc4432df32.jpeg

Synthetische Fasern wie Elasthan, Polyamid und Polyester sind die Grundlage vieler Kleidungsstücke, unter anderem von Sportbekleidung. Schnell trocknend, knitterfrei und atmungsaktiv werden sie im Sport, aber auch im Alltag eingesetzt. Die negativen Effekte, wie die Belastung der Umwelt durch die Herstellung der Fasern aus Erdöl und die Entstehung von Mikroplastik durch das Waschen vergessen wir dabei.

Kleidung aus Erdöl

Zunächst klingt die Herstellung von Fasern aus Erdöl recht abstrakt und kaum vorstellbar. Je nach Art der Faser sind verschiedenste Methoden notwendig, um eine chemische Verbindung aus verzweigten bzw. Kettenmolekülen, sogenannten Polymeren, zu erstellen. Nicht alle synthetische Fasern sind gleichzusetzen. Sie besitzen unterschiedliche Eigenschaften und variieren in ihren Einsatzgebieten. Eines haben alle synthetischen Fasern jedoch gemeinsam: den Rohstoff Erdöl. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts nahm die Produktion rasant zu, trotz dem vielseitigen Spektrum von natürlichen Fasern, wie z.B. Leinen, Tierwolle. Der Grund dafür ist vor allem der kostengünstige fossile Rohstoff Erdöl. Dies zeigt sich beim Preisvergleich von Schafwolle und Polyester: Polyester kostet pro Kilogramm ca. einen Dollar, der Preis eines Kilos Schafwolle beträgt zehn Dollar. Dieser Faktor ist entscheidend für den Einsatz der synthetischen Fasern, der sich auf knapp 45% der weltweit gesamten Faserproduktion im Jahr 2018 beläuft. Im Jahr 2008 wurden 41,4 Mio. Tonnen synthetische Fasern hergestellt

Unsichtbar aber trotzdem da: Mikroplastik

Aus synthetischen Fasern werden genau wie bei Wolle Fäden gesponnen und Stoffe gewebt. Durch das Waschen oder auch Tragen werden sie angegriffen und einzelne Fasern lösen sich zu kleinsten Partikeln, dem sogenannten Mikroplastik, ein nicht biologisch abbaubares und synthetisches Polymer, dessen Größe weniger als fünf Millimeter beträgt. Man unterscheidet zwischen primärem und sekundärem Mikroplastik. Sekundäres Mikroplastik entsteht, wenn größere Kunststoffteile zerfallen, durch Sonneneinstrahlung oder Verwitterungsprozesse. Im Gegensatz dazu wird primäres Mikroplastik bewusst eingesetzt und ist von Beginn an kleiner als fünf Millimeter. In der Kosmetikindustrie findet man dieses z.B. in Peelings; flüssige Polymere werden eingesetzt, um Gels herzustellen. Mikroplastik kann neben dem bewussten Einsatz in Kosmetik auch durch Abrieb, z.B. von Autoreifen oder dem Waschen von Kleidung entstehen. Es ist derart klein, dass Filter- oder Kläranlagen kaum ihre Wirkung entfalten können und die Partikel ungebremst in die Gewässer strömen und letztlich in die Weltmeere gelangen. Auf diesem Weg werden mehrere Millionen Tonnen Plastik jährlich in die Weltmeere gespült. Meereslebewesen verwechseln es mit Nahrung. Die Tiere verschlucken Plastikpartikel, verspüren kein Hungergefühl mehr, nehmen keine Nahrung mehr auf und verhungern qualvoll. Um diese Problematik zu entschärfen, ist sowohl der generelle Verzicht auf Plastik als auch die Eindämmung der Erzeugung von Mikroplastik notwendig. Das Schlüsselwort ist Naturfaser.

Leinanbau in Südtirol

Naturfaser ist nicht gleich Naturfaser. Meist wird Baumwolle eingesetzt, aber diese ist wegen des hohen Wasserbedarfs und des Einsatzes von Pestiziden unter Kritik. Einen Weg aus dem Dilemma bietet die Kultivierung von heimischen Naturfasern, wie z.B. Lein (Flachs). Eine Untersuchung im Pustertal und Sarntal zeigt, dass der Anbau von Lein schon eine lange Tradition besitzt. Pollenfunde aus dem Subatlantikum, das heißt vor 2.500–1.000 Jahre vor heute, beweisen den Einsatz der Naturfasern. Bis ins 20. Jahrhundert wurden diese im Pustertal angebaut. Der Vorteil der Pflanze ist die Unempfindlichkeit gegenüber Unkraut und die geringen Temperaturansprüche. Im Jahr 1910 bauten 3.150 Betriebe Lein an, wobei sich diese Zahl im Jahr 1966 auf 50 Betriebe reduzierte. Der Einsatz von Kunstfasern und Baumwolle ist kostengünstiger und daher lohnte sich der Leinanbau für die Betriebe nicht mehr. Die Gewinnung der Naturfaser Lein ist ein Prozess mit zahlreichen Arbeitsschritten und daher mit großem Aufwand verbunden. Zunächst muss die Pflanze mit den Wurzeln ausgerissen und getrocknet werden. Anschließend folgt das sogenannte „Riffeln“, bei dem die Samenkapseln mit einem besonderen Werkzeug entfernt werden. Die Samen können z.B. zu Leinöl weiterverarbeitet werden. Die Stengel werden einem Gär- bzw. Fäulnisprozess ausgesetzt, um die Fasern zu lösen. Danach werden sie wieder getrocknet und gebrochen. Dabei werden die Fasern extrahiert und ein Garn kann daraus gesponnen werden.

Um Mikroplastik zu vermeiden und den Einsatz von Erdöl zu verringern muss das Bewusstsein für die Herkunft von Fasern und Kleidungsstücken gestärkt werden. Heutzutage ist die Produktion für uns kaum greifbar, da alle notwendigen Schritte ins Ausland verlagert sind. Mit dem Anbau von Lein, als eine alte Tradition, kann ein Stück Südtiroler Geschichte wieder aufblühen und einen Beitrag für die ökologische Herstellung von Fasern leisten.

Die Kultivierung von Lein ist ein Nischenprodukt, kann aber ein zusätzliches finanzielles Standbein darstellen. Der Mehraufwand für die Herstellung der Fasern kann die Grundlage für hochwertige Produkte sein, die dementsprechend vermarktet werden können.

Ellena Brandner

Ellena ist eine Studentin der Geographie und ihr Herzensanliegen ist die Landwirtschaft im Alpenraum, die sie nicht nur aus der Bibliothek kennt sondern als Hirtin mehrere Sommer aktiv gelebt hat. Wenn sie nicht auf der Alm ist findet man sie beim Radfahren und Kuchen essen in Bayern.

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