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Existenzielle Risiken für die Menschheit

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Die Duga war eine sowjetische Über-Horizont-Radaranlage, die als Teil des sowjetischen Raketenabwehrsystems eingesetzt wurde. Direkt neben dem beschädigten Kernkraftwerk von Tschernobyl gelegen, ist die Duga ein Symbol für zwei Katastrophen gleichzeitig: die nukleare Katastrophe und den schlussendlich abgewendeten Kalten Krieg. - © Photo by Dasha Urvachova on Unsplash
Vom Denken über die Endzeit

Nun ist das Ungeheuer also da und es ist ein Virus. Ist dies der Anfang vom Ende? Der schleichende Auftakt für ein neues Zeitalter der Katastrophen? Vielleicht. Doch es wäre ein Jammer, wäre morgen alles vorbei, obwohl wir noch so viel Gutes zu tun hätten. Welthunger zu beseitigen, Frieden zu schaffen, Krankheiten besser behandeln zu können und die Umweltprobleme zu bewältigen, wären nur die ersten Schritte. Nur dürfen wir uns nicht vorzeitig aus dem Weg räumen lassen. Wenn die Zukunft gesichert ist, können unzählige zukünftige Generationen noch unendlich viel Schönes erleben. Um das zu ermöglichen, gilt es etwas zu tun.

Wahrscheinliche und weniger wahrscheinliche Weltuntergangsszenarien bzw. solche die als existenzielles Risiko – zumindest für die Menschheit – eingestuft werden, gibt es zahlreiche: einige davon sind menschengemacht, andere können auf „höhere Gewalt“ zurückgeführt werden. Auch Viren und andere Erreger wie Bakterien, Pilze, Prionen und Parasiten können Infektionskrankheiten auslösen, die zu einem existenziellen Risiko für die Menschheit heranwachsen können. Pathogene, welche die gesamte Wirt-Spezies durch ihre Virulenz und Letalität ausrotten sind evolutionär gesehen zwar im Nachteil, aber gerade durch Bioengineering könnten derart gefährliche Erreger hergestellt und zu einer realen Bedrohung werden. Ein Beispiel für das Rezept für ein solches Virus hat Anders Sandberg vor kurzem beim Futurologischen Kongress in Bozen angesprochen: eine noch tödlichere Variante des Pockenvirus. Auch die Covid-19 Pandemie ist vom Menschen zumindest mitverursacht worden, indem dieser in komplexe Ökosysteme eingegriffen und dadurch die Entstehung und Verbreitung von Zoonosen begünstigt hat. Aber zunächst kurz zum Begriff „Weltuntergang“.

Wenn wir mit „Welt“ die Erde meinen, dann ist klar, dass diese eines Tages untergehen wird: spätestens in etwa einer Milliarde Jahre soll die Strahlkraft der Sonne so intensiv sein, dass ein Leben auf der Erde nicht mehr möglich ist. Immerhin wäre das Fortbestehen von Leben auf der Erde voraussichtlich noch viele Millionen Jahre möglich. Mit etwa 200 oder 300000 Jahren ist die Geschichte des homo sapiens verhältnismäßig kurz und könnte erst am Anfang ihrer Entwicklung stehen, in welcher unzählige zukünftige Generationen das Leben verbessern, Armut beseitigen, Krankheiten besiegen und unvorstellbares kreatives Potential entfalten könnten.

Unter „Weltuntergang“ versteht man meist das vorzeitige Ende des (menschlichen) Lebens auf unserem Planeten. Die Frage ist also, inwieweit es in unserer Macht steht, ein solches Ende hinauszuschieben.

Dank Wissenschaft und Technik, die uns den heutigen Umfang und die Geschwindigkeit, mit der wir Menschen weltweit interagieren erst ermöglicht haben, können sich auch Epidemien schneller verbreiten und zu Pandemien heranwachsen. Trägt der wissenschaftliche Fortschritt also letztlich eine Mitschuld an der Coronakrise? Vielleicht. Durch teilweise blindes Vertrauen in die Wissenschaft haben wir uns womöglich allzu oft in falscher Sicherheit gewogen. Andererseits ist die Wissenschaft durch ihre strengen Kriterien und den Anspruch auf objektive Gültigkeit auch unser mächtigstes kognitives Werkzeug, um Lösungen herbeizuführen. Sofern wir es schaffen, diese Krise zu überwinden, dann freilich auch oder gerade durch wissenschaftliche Forschung – zumindest was das Virus als Gefahr für Leib und Leben betrifft. Oder etwas anders formuliert: Überzogene Wissenschafts- und Technikgläubigkeit hat uns in diese Situation gebracht, sie hätte es aber auch verhindern können – zumindest, wenn wir unsere Einstellung gegenüber Risiken zuvor verändert hätten.

Die jetzige Pandemie stellt unmittelbar kein existenzielles Risiko für die Menschheit dar, aber sie zeigt, wie schnell Systeme kollabieren können. Durch den Verlust der räumlichen Trennung ist dennoch die Ausrottung einer ganzen Spezies durch zunehmend gefährlichere Erreger möglich. Genauso wenig wie die meisten Menschen das Eintreten und das Ausmaß dieser Pandemie vorhergesehen haben, ist es auch schwierig, deren Auswirkungen für die nächsten Jahre vorherzusagen. Die hohe Sterblichkeit in einigen Industriestaaten ist vermutlich auf Infektionen in den ersten Monaten des Ausbruchs zurückzuführen, in denen Wissenschaftler und Politiker widersprüchliche Botschaften zur Lage und dem Risiko verbreiteten. Dies führte zur Überlastung der Gesundheitseinrichtungen und zu einer Allokationsproblematik der vorhandenen materiellen und personellen Ressourcen und einer damit notwendig gewordenen ethischen Priorisierung, etwa durch die Triage, Alter oder andere Kriterien und Ansätze aus der Katastrophenmedizin. Problematisch ist aber auch das teilweise fehlende Vertrauen vieler Menschen in medizinische Forschung und die sich daraus ergebenden Handlungsempfehlungen, die schlussendlich aber auch auf ethischen Überlegungen beruhen, etwa wie sehr das alltägliche Leben zum Schutz von Risikogruppen eingeschränkt werden darf.

Schlafwandelnd in den eigenen Untergang?

Trotzdem: Die Pandemie könnte rein hypothetisch zu einem existenziellen Risiko werden, also einem, das durch seinen Umfang und sein Ausmaß intelligentes oder gar jegliches Leben auf der Erde auszulöschen vermag oder in seiner Entwicklung wesentlich zurückwerfen würde – und wenn nur als weiteres Glied in einer Kausalkette von Ereignissen, wie das etwa die Anhänger der „Kollapsologie“ sehen. Laut dieser, von dem Agraringenieur Pablo Servigne und Raphaël Stevens initiierten Bewegung aus Frankreich, steht uns durch eine Verkettung katastrophaler, punktueller Ereignisse wie etwa Pandemien, Dürren, politische Wirren und der Implosion des Finanzsystems, sowie dem überschreiten kritischer Grenzwerte, sogenannter ökologischer Kipppunkte, ein systemischer und globaler Zusammenbruch bevor und es bleibt uns nichts anderes übrig, als uns darauf vorzubereiten, während wir das letzte Motorstottern unserer Zivilisation erleben. Ein solcher Kollaps kann von einer Generation auch unbewusst erlebt werden.

Ein ökologischer „Kollaps“ kann sich als schleichender Prozess, als Zeitlupenereignis über Hunderte oder Tausende von Jahren abspielen; einzelne Katastrophen können einen Kollaps oder gar Weltuntergang zwar vorahnen lassen, dieser kann aber so langsam vor sich gehen, dass die Menschheit fast schlafwandelnd aussterben könnte.

Nach dem Weltuntergang spielt alles andere keine Rolle mehr, darum kann plausibel behauptet werden, dass kein öffentliches Gut moralisch wichtiger ist als die Reduktion existenzieller Risiken, selbst wenn deren Eintreten unwahrscheinlich ist. Zur Veranschaulichung folgendes Gedankenexperiment des Philosophen Derek Parfit: Angenommen seien drei unterschiedliche Szenarien, nämlich eine Zeit des Friedens, ein thermonuklearer Krieg, der 99 Prozent der Menschheit vernichtet und ein Atomkrieg der 100 Prozent der Menschheit vernichtet. Offensichtlich wäre das zweite Szenario schlimmer als das erste und das dritte Szenario schlimmer als das zweite. Aber welcher Unterschied wiegt größer? Laut Parfit jener zwischen dem zweiten und dem dritten Beispiel: der Unterschied bedeutet nämlich die Zerstörung der Zukunft der Menschheit schlechthin. Zu den üblichen Beispielen für solche Ereignisse werden Asteroiden- und Kometeneinschläge, Supervulkanausbrüche, Erdbeben und Tsunamis, Gammablitze, erdnahe Supernovae, Krieg und dessen Folgen, wie etwa ein nuklearer Winter, Hungersnöte, Graue Schmiere, künstliche Superintelligenz und andere technologische Entwicklungen, der anthropogen bedingte Klimawandel, Umweltkatastrophen und das damit einhergehende sechste Massenaussterben gezählt.

Einige der genannten Katastrophen haben die Erde in der Vergangenheit bereits mehrmals heimgesucht und großen Schaden angerichtet, dennoch konnte sich das Leben auf der Erde von diesen Ereignissen erholen. Sollte die Menschheit selbst ein solches Ereignis überstehen, könnte die Entwicklung des Menschen wesentlich stagnieren: viele Errungenschaften wären womöglich für immer verloren. Im schlimmsten Falle können einige der oben angeführten Beispiele auch zur vollständigen Vernichtung des Lebens auf der Erde führen. Die Fantasie, dass es wie zu Noahs Zeiten eine hypothetische Arche geben könnte – ein galaktisches Raumschiff – mit dem sich eine kleine Schar von Menschen und anderen Lebewesen auf einen Exoplaneten zu retten imstande wäre, um dort einen Neubeginn einzuleiten, hilft vielen Menschen, die Realität zu verdrängen.

Wenn man sich aber nicht mit Fantasien zufriedengeben will, stellt sich die Frage, welche konkreten Empfehlungen man der Politik und jedem Einzelnen heute geben kann, um den schwerwiegenden Konsequenzen unserer Indifferenz besser zu begegnen. Bevor man auf diese Frage eingeht, muss man sich bewusst werden, dass die Menschen dem Faszinosum des Untergangs und der damit einhergehenden Angstlust leicht erliegen: Hollywood hat daraus eine eigene Branche der Filmindustrie gemacht.

Diese Faszination mit Katastrophenszenarien und dem Ende der Menschheit kann sich lähmend auf die Psyche auswirken: Anstatt sich mit der Lösung bzw. dem Abwenden von Katastrophen zu beschäftigen, ergibt man sich dem scheinbar unabwendbaren Schicksal und begnügt sich mit der Befriedigung egoistischer Triebe und kurzfristigen Vergnügungen oder hegt die Hoffnung, dass nur jeder einen kleinen Beitrag leisten müsse, damit alles besser wird, auch wenn dies vermutlich illusorisch ist.

Meist sind solche Absichten zu wenig ehrgeizig und radikal, um wirkliche Veränderungen anzustoßen und zu einseitig, um eine Katastrophe abzuwenden oder wesentlich hinauszuschieben.

Empathie, Bewusstsein, Verantwortung und Mut

Inwiefern kann also Wissenschaft helfen die politischen Weichen für eine langfristige und positive Zukunft zu stellen? Was Wissenschaft von seinen erkenntnistheoretischen Ursprüngen her auszeichnet, ist ihre Fähigkeit zur Selbstkritik, einer Form von intellektueller Redlichkeit. Wissenschaft muss diese reflexive Neugierde in der Gesellschaft wieder wecken, auch durch Bescheidenheit: Wissenschaft darf nicht länger programmatisch den Anschein erwecken, in allen Belangen das letzte Wort zu haben. Desto mehr wir über die Welt erfahren, desto mehr Mysterien tun sich auf. Die für uns Menschen wesentlichen Themen können nicht aus einer einzelnen Perspektive erfasst werden. Apokalypse bedeutet „Enthüllung“, also die Offenbarung einer unbequemen, oft beängstigenden Wahrheit: die Wahrheit ist, dass wir nicht wissen, was morgen geschehen wird, aber wir können versuchen, existenzielle Risiken zu minimieren und nicht kampflos aufzugeben. In den nächsten Jahrzehnten sollten wir es schaffen, Hunger und Armut in der Welt zu beseitigen, den Klimawandel und seine Konsequenzen abzumildern und zukünftigen Generationen durch die Reduktion vor allem anthropogener Risiken ermöglichen, das volle Potential der Menschheit auszuschöpfen. Dafür braucht es Empathie für unsere Umwelt, für unsere Mitmenschen und andere Lebewesen, aber auch das Bewusstsein, Teil dieser Biosphäre zu sein und Verantwortung für die Zukunft zu übernehmen. Im Grunde haben wir erst jetzt begonnen uns diesen Herausforderungen im vollen Ausmaß bewusst zu werden und entsprechende Gegenmaßnahmen zu entwickeln. Die Covid19-Pandemie ist ein Warnschuss vor den Bug unserer heutigen Gesellschaft und zeigt auf, dass wir nur im gemeinsamen Dialog und aus einer multidisziplinären Metaperspektive unsere kognitiven Grenzen ausloten, Ehrfurcht, Empathie und Demut für das Leben wecken und dafür Sorge tragen können, dass es auch morgen noch eine Zukunft gibt.

 


Michael de Rachewiltz hat Philosophie studiert und forscht am Center for Advanced Studies von Eurac Research. Falls Interesse besteht mit ihm über Weltuntergangsszenarien und mögliche Abwehrstrategien zu diskutieren und zu erfahren was Endzeit-Erzählungen mit effektivem Altruismus zu tun haben, freut er sich auf eine Kontaktaufnahme. Durch diesen neuartigen Zukunftsschock erhofft sich Michael, dass wir Zeit für mehr Menschlichkeit finden, um die wirklichen Probleme anzupacken.
Kontakt: michael.derachewiltz@eurac.edu

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