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Interview

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„Abwarten funktioniert nicht!“

Eurac Research Präsident, Roland Psenner, über die Lehren aus der Pandemie für den nächsten globalen Notstand - den Klimawandel.

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© Adobe Stock | lensw0rld
01 June 2021

Roland Psenner, Präsident von Eurac Research, über seine ganz persönliche Lehre aus der Pandemie-Krise, die Rolle der Forschung und warum die wahre globale Herausforderung noch vor uns liegt.

Was ist in Ihren Augen die wichtigste Lehre aus Corona-Pandemie?

Roland Psenner: Erstens, dass jede Erkenntnis nur vorläufig ist. Wer die Forschung zu dem Virus verfolgt, sieht ständig neue Hypothesen auftauchen, die manchmal auch schnell wieder widerlegt werden. Oder es werden bestimmte Eigenschaften des Virus zwar nachgewiesen, doch wie sie seine Wirkung in unserem Körper beeinflussen, ist noch pure Spekulation (eine interessante derzeit diskutierte Frage ist zum Beispiel jene, ob virale RNA ins menschliche Genom aufgenommen werden kann). Was mir wiederum zeigt, wie wenig wir noch über SARS-CoV-2 wissen.
Zweitens musste ich – wieder einmal – feststellen, dass wir zu schwerfällig, unendlich mühsam und manchmal sogar widerwillig lernen: Wir setzen neu gewonnene Erkenntnisse zu langsam um, wir laufen, mit einem Wort, der Entwicklung hinterher, oder, wie die Herzkönigin aus Alice im Wunderland sagt: „Um auf der Stelle zu bleiben, musst du rennen, so schnell du kannst.“ Drittens muss ich im Rückblick feststellen, dass der Westen (Europa, USA etc.) versagt hat, was niemand so klar wie der französische Autor Tomas Pueyo auf den Punkt bringt. Seit seiner ersten Analyse vor mehr als einem Jahr war mir klar, dass wir testen, nachverfolgen, isolieren müssen, bis eine wirkungsvolle Impfung zur Verfügung steht. Genau das, was viele asiatische Länder (Taiwan, Südkorea etc.) erfolgreich gemacht haben. Ich bin heute mehr denn je zuvor davon überzeugt, dass die individuelle persönliche Freiheit für einen bestimmten, genau definierten und gut begründeten Zeitraum eingeschränkt werden muss, um die Freiheit aller zu bewahren. Viertens habe ich verstanden, dass Zoonosen zum überwiegenden Teil auf die Folgen der Klima- und Biodiversitätskrise zurückgehen. Die größere Krise, mit der ich mich seit 30 Jahren beschäftige, manifestiert sich im Zeitraffer als Pandemie. Und leider managen wir die Klimakrise genauso schlecht wie die Coronakrise: zu langsam, zu inkonsequent.

Es kommen düstere Zeiten auf uns zu?

Psenner: Ich gebe meine Hoffnung nicht auf, dass wir endlich kapieren, warum abwarten nicht funktioniert.

Was sehen Sie persönlich heute anders als vor anderthalb Jahren?

Psenner: Ich war im Jänner 2021 wie viele der Meinung, SARS-COV-2 würde sich wie SARS oder MERS auf einige asiatische Länder begrenzen lassen. Spätestens mit den ersten Fällen in Europa war mir klar, dass wir als Eurac Research rasch handeln müssen, da wir die Verantwortung für 500 Angestellte und deren Familien tragen. Die konsequente Reaktion der Leitung von Eurac Research sehe ich allerdings genauso wie im März 2020: Sie war dem Ausmaß der Pandemie und der Verbreitungsgeschwindigkeit des Virus angemessen. Wenn es nicht so abgedroschen klingen würde: Wir haben nicht alles, aber das meiste richtig gemacht, und zwar deshalb, weil wir uns auf wissenschaftliche Fakten gestützt haben und auf ausgezeichnete Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zählen konnten.

Eurac Research Präsident Roland Psenner: "Ich sehe die Pandemie als Weckruf, auch lokal noch stärker in Forschung und Innovation zu investieren."© Eurac Research | Ivo Corrà

Denken Sie, diese Erfahrung wird der Wissenschaft auch längerfristig zu mehr Bedeutung verhelfen?

Psenner: Im Prinzip ja, aber … Wir haben gesehen, dass Wissenschaft einer der wenigen gesellschaftlichen Bereiche ist, der auch in der Krise funktioniert, und zwar in mancher Hinsicht sogar besser als vorher, und dass die Forschung in bisher ungeahnter Schnelligkeit Lösungen produziert – wobei manche vielleicht vergessen, dass die Entwicklung neuartiger Impfstoffe auf Jahrzehnten der durch öffentliche Mittel geförderten Grundlagenforschung beruht. Was die Vermittlung schwierig machte, war das Stakkato der Erkenntnisse. Das hat viele Menschen überfordert. Insgesamt würde ich davon ausgehen, dass diese Erfahrung einige Skeptiker vom Wert der Wissenschaft überzeugen konnte; die dezidierten Gegner, Besserwisser und Anhänger von Verschwörungsmythen werden wir wohl nicht bekehren – um einen geeigneten Begriff zu verwenden.

Leider managen wir die Klimakrise genauso schlecht wie die Coronakrise: zu langsam, zu inkonsequent.

Roland Psenner

Andererseits sind Forschungsergebnisse, gerade wenn sie so schnell produziert werden müssen, oft nur vorläufig, werden von neuen Erkenntnissen widerlegt … Sehen Sie die Gefahr, dass dies in Teilen der Gesellschaft eine Unsicherheit nährt, die womöglich Verschwörungstheorien den Boden bereitet?

Psenner: Was heute als wissenschaftlicher Standard gilt, kann morgen bereits überholt sein. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind, vor allem bei neuen Erkenntnissen, oft gegenteiliger Meinung, und zwar am liebsten in der medialen Öffentlichkeit. Damit verlässt man in einer Situation, in der es um Leben und Tod geht, die Sphäre eines gepflegten akademischen Disputs – von den Problemen, vor denen die Politik steht, die aus widersprüchlichen Positionen harte Verordnungen ableiten muss, einmal abgesehen. Was die Verschwörungsmythen betrifft, bin ich heute etwas anderer Meinung als ich noch im Feuer der ersten Auseinandersetzungen war. Ich denke, dass bestimmte, so genannte Querdenker wohlbegründete Maßnahmen nicht nur aus einem Gefühl der Unsicherheit oder dem Bedürfnis nach ewiggültigen Wahrheiten missachteten, sondern weil sie existenziell bedroht waren, und – wie Tomas Pueyo auch kürzlich darlegt – viele Verordnungen sich als wenig sinnvoll oder gar unwirksam herausstellten. Dass jedes Land, jede Provinz andere Maßnahmen verordnete, hat ein Übriges dazu getan, Verunsicherung, Zorn und Widerstand zu wecken. Ich gehe sogar einen Schritt weiter und gebe zu, dass mir, wenn ich die Zahlen Europas oder der USA mit jenen mancher asiatischen Länder vergleiche, Zweifel an der Funktionsfähigkeit unserer Demokratien kommen, was den Schutz von Menschenleben betrifft.

Eurac Research: Das Pandemie-Jahr in Zahlen

Sie sprechen hier vom Recht auf Gesundheit. Dieses aufzuwiegen mit dem Recht auf individuelle Freiheit, soziale Gerechtigkeit und wirtschaftliche Unversehrtheit ist das nicht das Dilemma, aber auch die Stärke der Demokratie?

Psenner: Über diese allgemein formulierte Aussage lässt sich streiten, da z.B. Neuseeland (oder auch Uruguay – leider nur in der Anfangsphase) ihre Bevölkerung, ihr Sozialsystem und ihre Wirtschaft gut geschützt hatten, während etwa Ungarn im Verhältnis zu seinem Nachbarn Österreich dreimal so viele Menschen durch die Pandemie verloren hat. Ich denke, dass wir erst in einem zeitlichen Abstand und aufgrund aussagekräftiger Analysen entscheiden können, welche Kombination an Maßnahmen am besten funktioniert hat. Dass auch in „echten“ Demokratien die Unterschiede zwischen arm und reich massiv zugenommen haben, lässt sich nicht bestreiten, und darauf bezog sich meine Kritik auf Ihre vorherige Frage.

Manche vergessen, dass die Entwicklung neuartiger Impfstoffe auf Jahrzehnten der durch öffentliche Mittel geförderten Grundlagenforschung beruht.

Roland Psenner

Was bedeutet das für die Forscher? Müssen sie sich stärker bewusst sein, dass es eine Gratwanderung ist, wenn man „helfen“ will und sich dadurch vielleicht hinreißen lässt, Ergebnisse zu veröffentlichen, die man unter normalen Umständen nicht so schnell veröffentlicht hätte?

Psenner: Das ist ein altbekanntes Phänomen der Forschung: schnell publizieren, Hauptsache man ist mit einer neuen Erkenntnis als erste oder erster dran. Man muss die Prozedur des Peer Review Verfahrens beschleunigen, aber man darf sie nicht ausschalten. Preprints, offene Review-Verfahren, Ablage der Originaldaten in zugänglichen Archiven etc. können die Publikation nicht nur beschleunigen, sondern auch ihre Qualität verbessern. Auch das Dilemma „publizieren oder patentieren“ muss man hier ansprechen, denn wir benötigen eine „Lieferkette“ kleiner, mittlerer und großer Unternehmen, die aus wissenschaftlichen Erkenntnissen für die Menschheit notwendige Produkte herstellen. Da wir in Südtirol sowohl auf dem Gebiet der Grundlagenforschung (Eurac Research, Unibz) als auch bei der Umsetzung (NOI Techpark, Unternehmen) erst seit weniger als einer Generation unterwegs sind, sehe ich die Erfahrung aus der Pandemie als Weckruf, hier stärker zu investieren.

Welche Schlüsse ziehen Sie daraus als Präsident einer Forschungseinrichtung?

Psenner: Schnelle, faktenbasierte Reaktion, klare Kommunikation der Maßnahmen, unkonventionelle Wege … alles mit Blick auf die schwächsten und am stärksten gefährdeten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Das waren die Voraussetzungen, die Pandemie in Eurac Research einigermaßen unbeschadet zu überstehen.

Tomas Pueyo zum Nachlesen:


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Activity Report 2020-21

AUTOR

Barbara Baumgartner

Sigrid Hechensteiner

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