© Eurac Research | Annelie Bortolotti

Interview

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Die Artenvielfalt um uns herum: auch nach dem Lockdown einen Blick wert

Ein Gespräch mit dem Ornithologe Matteo Anderle

14 June 2020

Viele haben sich über die Bilder der tierischen Überraschungsgäste in den Stadtzentren während der Ausgangsbeschränkungen gefreut. Wie wir auch weiterhin im städtischen Alltag einen engeren Kontakt zur Natur aufrechterhalten können, erzählt uns der Ornithologe Matteo Anderle. Er hat an der City Nature Challenge 2020 mitgearbeitet und ist einer der Feldforscher des Biodiversitätsmonitorings Südtirol.

Die Wochen des strengen Lockdowns scheinen jetzt schon lange vorbei zu sein. Ist es mit den Tiersichtungen in den Städten auch vorbei?

Matteo Anderle: Die Lockdown-bedingte Ruhe in den Ballungszentren mag einige Tiere, wie Rehe oder Füchse, weniger scheu gemacht haben, und in der Tat gab es in den vergangenen Monaten viele Sichtungen. Aber es hängt auch viel von uns ab. Es reicht, sich Zeit zu lassen und für einen Moment zu vergessen, dass wir große Säugetiere sind, die sich auf ihresgleichen konzentrieren. Wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf das Kleine richten und woanders hinschauen, in Richtung Himmel zum Beispiel zwischen die Äste der Bäume in den Parks, wo der Grünspecht nistet, oder zwischen die Büsche, wo die Amseln auf dem Boden nach Insekten und Regenwürmern suchen, werden wir schnell fündig.

Welche Ausrüstung braucht man dafür?

Anderle: Man braucht einfach nur hinzuschauen und vor allem gut hinzuhören. Zum Beispiel ist der Waldbaumläufer dem gewöhnlichen Gartenbaumläufer sehr ähnlich, aber der Gesang ist anders. Auch das schrille Zetern der Amsel, die erschreckt wird, ist unverkennbar. Dann sind natürlich auch die Handbücher nützlich – der Kosmos Vogelführer ist für uns Vogelkundler die Bibel – oder die Apps, in denen man sich mit Experten austauschen kann, wie z.B. Ornitho.it oder iNaturalist, die wir auch für die City Nature Challenge verwendet haben.

Gibt es viele Vogelarten in Siedlungsräumen?

Anderle: Im ersten Jahr des Biodiversitätsmonitorings Südtirol haben wir sechs Standorte in Siedlungsbereichen untersucht: in den Städten Bruneck und Sterzing, in den Dörfern Albions und Penon, sowie in den Industriezonen von Bozen und Meran. Wir haben zwischen sieben und elf Arten beobachtet. Zahlenmäßig sind es sogar mehr als jene, die wir auf den Wiesen und Weiden gefunden haben. Dabei muss man aber bedenken, dass viele Wiesenvögel untrennbar mit diesen besonderen Lebensräumen verbunden und daher stark gefährdet sind, sobald sich die Umwelt verändert, zum Beispiel durch den Klimawandel oder durch eine immer intensivere Bewirtschaftung. Wenn zum Beispiel die erste Mahd der Wiesen zu früh erfolgt, hat der Wachtelkönig – ein sehr seltener Zugvogel, der am Boden nistet – keinen geeigneten Nistplatz mehr. Stattdessen leben in bewohnten Gebieten eher weitverbreitete Vogelarten, die sich sehr gut anpassen können.

Welche zum Beispiel?

Anderle: Die Rabenkrähe, der Buchfink, der Hausrotschwanz und viele andere. Einige von ihnen gliedern sich plötzlich in einen neuen Lebensraum ein, so wie der Neuntöter, der im Brachland in Bozen Süd nistet, das jetzt fast vollständig zugebaut ist. Andere werden von den Ressourcen angezogen, die ein fragmentierter und vielfältiger Lebensraum wie der menschliche Siedlungsraum bietet. Vögel fliegen und werden nicht durch bautechnische Barrieren behindert; im Gegenteil, Mehlschwalben und Mauersegler nisten gerne unter den Dachgesimsen von Gebäuden, am liebsten, wenn sie uralt sind.

Neuntöter © ©Zbynek - stock.adobe.com

Gibt es in Südtirol auch Vögel, die von weit her gekommen sind – so wie bei den Pflanzen?

Anderle: Ja, einige sind spontan hierher gekommen, wie z.B. die Mittelmeermöwen, die man in Bozen Süd sehen kann, oder einige weitere, typisch mediterrane Arten, die aufgrund des Klimawandels immer weiter nach Norden ziehen. Dann gibt es noch die Halsbandsittiche, grüne Papageien, die vielleicht aus irgendeiner Voliere entkommen sind und es sich in unseren Parks gemütlich gemacht haben. Sie nisten in großen Bäumen und mit der Zeit verdrängen sie auch andere Arten. In Florenz haben sie in der Tat die Eulen, wie etwa die Waldkäuze aus den städtischen Alleen vertrieben.

Eine Mittelmeermöwe (Larus michahellis). Die Möwen, die man normalerweise mit dem Meer verbindet, sind mittlerweile längst in Stadtzentren wie Bozen und Meran vorgedrungen, wo sie vor allem auf den Mülldeponien Nahrung finden.© Eleva tu punto de vista | FCG

Wie kann man sich den Tag eines Ornithologen vorstellen?

Anderle: Aufstehen vor Sonnenaufgang und ab zur Forschung mitten ins Feld. Ich wähle die Jahreszeiten aus, in denen ich auf die nistenden Arten treffe und nicht auf vorbeiziehende Zugvögel. Ich bleibe dann an einem Standort und nehme alles auf, was im Umkreis von 100 Metern passiert: die Gesänge, ob die Vögel jung oder erwachsen sind, was sie tun. Wenn sie z.B. Ästchen oder Moos mit sich führen, weiß ich, dass in der Nähe ein Nest gebaut wird. Und vielleicht sehe ich bei der nächsten Runde schon die Jungvögel.

Matteo Anderle

Abschluss in Wissenschaft und Ressourcen-Management der Wildfauna in Florenz und laufender PhD an der Universität Innsbruck. Anderle verbrachte einen Aufenthalt in Großbritannien beim Game & Wildlife Conservation Trust und arbeitete mit dem Muse in Trient, bevor er zu Eurac Research kam. Neben dem Bestimmen von Vögeln richtet er auf dem Dach des Forschungszentrums in Bozen Bienenstöcke ein, die vielleicht in Zukunft auch Inhalt von Forschungsarbeiten sein könnten.

AUTOR

Valentina Bergonzi

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