Parkinson-Kranke neigen dazu, sich zu isolieren; der Lockdown hat dies noch verstärkt.

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Interview

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Parkinson-Kranke leiden in der Pandemie besonders

Ein Gespräch mit der Neurologin Susanne Büchner, Leiterin der Parkinson-Ambulanz Bozen

11 April 2021

Susanne Büchner ist Expertin für Parkinson-Syndrome und Bewegungsstörungen. Seit Mai 2017 leitet sie die Parkinson-Ambulanz am Krankenhaus Bozen. Im Interview schildert sie, wie die Patienten unter dem Lockdown litten, welche Symptome die Krankheit oft schon viele Jahre vor der Diagnose ankündigen und warum der Darm bei dieser neurologischen Erkrankung womöglich eine zentrale Rolle spielt.

Bedeutet Covid-19 für Parkinson-Patienten eine besondere Gefahr?

Dr. Susanne Büchner: Parkinson-Kranke haben nach derzeitigem wissenschaftlichem Stand kein höheres Risiko an COVID-19 zu erkranken, einige Daten haben sogar vermuten lassen, dass bestimmte Parkinson-Medikamente das Infektionsrisiko womöglich reduzieren. Wenn ein Parkinson-Patient aber an COVID-19 erkrankt, dann verschlechtern sich dadurch sowohl seine motorischen als auch die nicht-motorischen Symptome – etwa die Steifigkeit oder Gedächtnisprobleme. In einem Drittel der Fälle muss deshalb die dopaminerge Therapie vorübergehend erhöht werden. Aus diesem Grund hat die italienische Akademie für Parkinson und Bewegungsstörungen LIMPE den Gesundheitsminister gebeten, dass Parkinson-Patienten bevorzugt geimpft werden. Bisher ist das aber nicht passiert. In Italien allein sind zirka 300.000 Patienten betroffen. Die Impfung hat keine Auswirkung auf den neurodegenerativen Prozess, sollte also nicht zu einer klinischen Verschlechterung führen, und es scheint auch keine Wechselwirkung mit den Parkinson-Medikamenten zu geben.

Wie wirkten sich die Einschränkungen zur Bekämpfung der Pandemie aus?

Dr. Büchner: Sehr negativ. Zum einen, weil die Routinevisiten und Behandlungen reduziert oder gar ausgesetzt werden mussten, die Betreuung der Patienten also schlechter wurde, was zu Sorge und Verunsicherung führte. Ein Lösungsansatz ist hier die Telemedizin. Ein großes Problem war aber auch die Isolation: Parkinson-Kranke tendieren ohnehin schon dazu, sich zu isolieren, und die Einschränkung der Bewegungsfreiheit und der sozialen Kontakte hat dies verstärkt. Die geringere Bewegung – nicht nur wegen der fehlenden Physiotherapie, sondern auch weil zum Beispiel Spaziergänge nicht mehr möglich waren – hat zudem zu einer Verschlechterung der Motorik geführt. Unter der Pandemie haben sich auch andere Symptome wie Herz-Kreislauf-Probleme, Schlafschwierigkeiten oder Depressionen verschlechtert oder sind neu aufgetreten. Generell litt damit der Gesundheits- und Allgemeinzustand der Kranken und also ihre Lebensqualität. Was sich natürlich auch negativ auf jene Menschen auswirkt, die Parkinson-Patienten und Patientinnen betreuen.

Wie gelangen Sie zur Diagnose Parkinson?

Dr. Büchner: Bei dem, was wir Morbus Parkinson nennen, oder auch idiopathisches Parkinson-Syndrom – also ein Parkinson, dessen Ursache unbekannt ist, hinter dem nicht beispielsweise ein Schlaganfall oder Psychopharmaka stecken – ist die klinische Einschätzung das wichtigste Kriterium, um die Diagnose zu stellen. Nach den Kriterien der „United Kingdom Parkinson’s Disease Society Brain Bank“ ist ein Parkinsonsyndrom definiert durch Bewegungsverlangsamung und mindestens eines der Kardinalsymptome Muskelsteife, Ruhezittern, gestörte Haltungsstabilität. Dazu kommen unterstützende Kriterien, etwa ein einseitiger Beginn oder das positive Ansprechen auf das Medikament L-Dopa.
Die Diagnosesicherheit steigt mit der Dauer der Erkrankung und kann auch durch eine Reihe von sehr spezifischen Tests und nuklearmedizinischen Untersuchungen erhöht werden.

Die Neurologin Dr. Susanne Büchner © Susanne Büchner

Welche frühen Warnzeichen gibt es?

Dr. Büchner: Bei Parkinson denkt man vor allem an das unaufhörliche Zittern. In Wirklichkeit kündigt sich die Krankheit mitunter zehn Jahre vor der Diagnose mit ganz anderen Symptomen an. Oft können die Patienten nicht mehr riechen, oder ihre Muskeln oder Gelenke schmerzen, und Ärzte diagnostizieren dann fälschlicherweise eine Arthritis oder eine Schultererkrankung. Dann aber funktioniert die Feinmotorik auf einer Körperseite auf einmal nicht mehr so gut, das Zuknöpfen von Hemden fällt vielleicht schwer. Einige der nicht-motorischen Symptome können bereits Jahre vor den motorischen Symptomen auftreten – beispielsweise die REM-Schlaf-Verhaltensstörung, bei der die Betroffenen im Schlaf schreien, treten oder um sich schlagen. Auch ein verminderter Geruchssinn, Depression oder Verstopfung gehören zu den prämotorischen Symptomen. Der Darm scheint überhaupt eine wichtige Rolle bei der Erkrankung zu spielen: Es mehren sich die Hinweise darauf, dass krankhaft veränderte Proteine, die für die Entstehung der Parkinson-Krankheit verantwortlich gemacht werden, weil sie die Gehirnzellen absterben lassen, sich vom Darm aus bis ins Hirn ausbreiten.

Unter welchen Aspekten der Krankheit leiden die Betroffenen besonders?

Dr. Büchner: Das hängt zum einen sehr vom Alter ab, in dem sie erkranken. Wer noch arbeitet, spürt die körperliche Einschränkung besonders. Viele klagen über die Müdigkeit und Schwäche, die teilweise auch von den Medikamenten abhängt und gegen die es leider keine gezielte Therapie gibt. Jüngere Betroffene machen sich häufiger Sorgen über die Zukunft und deshalb werden viele von ihnen ängstlich und depressiv. Das „Leiden“ hängt aber auch vom Krankheitstyp ab – beim Parkinsonsyndrom gibt es nämlich verschiedene Verlaufsformen. Die Form mit vorherrschendem Zittern (Tremordominanz-Typ) etwa hat zwar oft eine bessere Prognose, jedoch wird der Tremor von den Patienten in der Regel als sehr störend empfunden; viele Patienten versuchen, die Krankheit vor anderen zu verstecken, denn wer zittert, wird komisch angeschaut. Die Patienten meiden deshalb oft soziale Kontakte. Alle Arten von Tremor nehmen jedoch unter emotionalem Stress zu. Deshalb lässt sich der Tremor auch mit den Medikamenten nicht so gut kontrollieren. Und schließlich spielt die Krankheitsphase eine große Rolle. Während der ersten Jahre funktionieren die Medikamente nämlich oft sehr gut - man spricht vom sogenannten Honeymoon. Doch im Durchschnitt nimmt die Wirkung der Medikamente nach fünf Jahren immer mehr ab, die Dosierung muss erhöht werden, was aber natürlich nicht ins Unendliche gemacht werden kann. Und mehr Medikamente bedeuten oft auch mehr Nebenwirkungen.

AUTOR

Barbara Baumgartner

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