Interview

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Willenskraft und Intuition

Die Physikerin Claudia Notarnicola erhält den Südtiroler Wissenschaftspreis „Woman in Science“

Annelie Bortolotti
© Eurac Research | Annelie Bortolotti
21 January 2021

Claudia Notarnicola wurde für ihre außergewöhnliche wissenschaftliche Karriere geehrt, in einem von Männern dominierten Bereich, der Luft- und Raumfahrtphysik. Die stellvertretende Leiterin des Instituts für Erdbeobachtung wirft einen Blick zurück und erteilt den ein oder anderen Ratschlag.

Was bedeutet für Sie Erfolg?

In der Lage zu sein, das was dir liegt und dich mit Leidenschaft erfüllt beruflich - als Vollzeitjob - umzusetzen.

Und wann wurde Ihnen klar, dass Sie Physikerin werden wollen?

Das wusste ich schon in der Oberschule. Mathe gefiel mir grundsätzlich auch, aber es war dann doch zu trocken. Physik lässt sich gut mit meiner Leidenschaft für Naturphänomene verbinden. Die Entscheidung, Satellitendaten zu untersuchen, um die Erde zu verstehen, schien mir naheliegend. Ich wollte immer, dass meine Forschung einen praktischen Nutzen hat.

War Ihr Lebenslauf ein linearer?

Rückblickend scheint es so zu sein. Mir war aber auch mein Ziel immer klar. Wenn ich aber den Blickwinkel ändere und auf kleine Details schaue, fügt sich mein Weg aus verschiedenen Strecken zusammen. Für eine wissenschaftliche Laufbahn muss man bereit sein, den Arbeitsplatz zu wechseln und verschiedene Erfahrungen in akademischen und nicht-akademischen Bereichen zu sammeln. Es ist oft schwierig, einen festen Platz zu finden. Als ich zum Beispiel an der Universität in Bari zu arbeiten begonnen habe, gingen bereits viele meiner Kollegen ins Ausland, wo sich ihnen mehr Möglichkeiten boten. 25 Jahre später hat sich leider nicht viel verändert. Und so kann es schon passieren, dass man das Ziel aus den Augen verliert. Um das zu vermeiden, änderte ich meine Strategie: Ich verließ die Uni und wechselte in die Industrie über. Ich bin überzeugt, dass wir einen Weg nicht aufgrund seiner Schwierigkeit wählen sollten. Man sollte sich vom Wert und der Wichtigkeit der eigenen Wahl leiten lassen und immer sein Ziel im Auge behalten.

Was war Ihr Ziel?

Forschung zu betreiben, relevante Ergebnisse zu veröffentlichen, die einen Einfluss auf die Gesellschaft haben können und in diesem Bereich einen sicheren Arbeitsplatz zu haben. Gerade in den ersten Jahren ist es sinnvoll, unterschiedliche Erfahrungen zu machen. Ich persönlich habe viel gelernt, als ich drei Jahre lang in einem großen Luft- und Raumfahrtunternehmen (Carlo Gavazzi Space) gearbeitet habe. Der große Zeitdruck, das Management großer Teams und komplexer und teurer Projekte: alles Dinge, die ich an der Universität nie erlebt hätte. Aber dann braucht man auch fest Basis - die ich am Forschungszentrum Eurac Research gefunden habe - um seine Ideen weiterzuentwickeln.

Welche Ihrer Paper waren für Sie die entscheidenden?

Sie fallen mit drei Schlüsselerlebnissen zusammen. Mein Debut war ein Review-Artikel, der 2001 in der Zeitschrift Il nuovo cimento erschien. Er handelte vom ersten NASA-Experiment - an dem ich 1994 im Rahmen meiner Diplomarbeit beteiligt war - und von dem Standort Matera, den wir zur Kalibrierung der Daten nutzten, die von Radarsensoren auf dem Space Shuttle übermittelt wurden. Dieses Paper erinnert mich an meine ersten Feldmesskampagnen. Damals haben wir lange - manchmal vergeblich - auf die Bilder vom Space Shuttle gewartet. Mit meiner Doktorarbeit zur Überwachung der Bodenfeuchte folgten dann Paper in renommierteren Fachzeitschriften etwa die IEEE Transactions on Geoscience and Remote Sensing.

Und das dritte?

Mein letztes, das zum ersten Mal weltweit die Schneebedeckung von Berggebieten mit Hilfe von Satellitenbildern kartiert. Es bedeutet mir viel, sei es wissenschaftlich als auch persönlich. Ich bin seit Jahren hauptsächlich im Management tätig und finde es schön und wichtig, Nachwuchsforscherinnen und -forschern die Möglichkeiten aufzuzeigen, ihren eigenen Weg zu gehen. Da bleibt allerdings wenig Zeit für die eigene Forschung. Umso mehr freut es mich, dass ich mir einen Freiraum geschaffen habe, um weiterhin zu forschen, zu schreiben und zu publizieren. Das ist Futter für mein Gehirn, und hat mich nach so vielen Jahren wieder daran erinnert, warum ich mir genau diesen Job ausgesucht habe.

Portrait Claudia Notarnicola © nics media - Auftraggeber: Autonome Provinz Bozen

Welches Buch oder welchen Film würden sie jungen Frauen empfehlen, die eine ähnliche Karriere wie Sie anstreben?

"Hidden Figures", ein Film aus dem Jahr 2016 über die schwarzen Mathematikerinnen, deren Berechnungen die Mondlandung erst ermöglicht hatten, die aber in eine Nebenrolle gedrängt worden waren.

Bezeichnen Sie sich selbst als Feministin?

Ja, auf jeden Fall. Obwohl, um ehrlich zu sein, vor zwanzig Jahren hätte ich das nicht behauptet.

Was hat sich geändert?

Am Anfang war ich darauf bedacht, mich als Profi zu behaupten und mich als Frau nicht in den Vordergrund zu stellen. Ich glaubte - und glaube immer noch - dass es auf die Fähigkeiten einer Person ankommt, unabhängig vom Geschlecht. Mit der Zeit habe ich jedoch erkannt, dass es tatsächlich Unterschiede gibt. Ein scheinbar triviales Beispiel: Seit einigen Jahren führe ich bei der Teilnahme an einer Konferenz immer den Titel Dottoressa an, weil es früher immer erstaunte Gesichter gab als sich „Notarnicola, PhD“ als Frau herausstellte, alle hatten immer automatisch einen Mann erwartet. Es mag wie ein reines Sprachproblem erscheinen,… obwohl, die Sprache ist ein Spiegel der Kultur. Umgekehrt lasse ich es nicht durchgehen, wenn ein Witz so ganz salopp daherkommt, aber eine sexistische Sichtweise vermittelt.

Es ist ein Prozess, der einen langen Atem braucht.

Ja, wie bei jedem Sinneswandel. Aber es zahlt sich aus. Die volle Gleichberechtigung werden wir wohl erst in ein paar Generationen erreichen. Für meine Kolleginnen, die jetzt anfangen, ist es schon etwas leichter. Inzwischen brauchen wir vielleicht auch Instrumente wie die Frauenquote, um etwas schneller voranzukommen.

Was ist Ihre Stärke?

Willenskraft. Und eine gewisse Intuition.

Ihr Motto?

Ein Ausspruch des Dramatikers Vittorio Alfieri aus dem 18. Jahrhundert, der sich an einen Stuhl fesseln ließ, um sich zum Schreiben zu zwingen: volli, sempre volli, fortissimamente volli (Ich wollte, immer schonund unbedingt wollte ich).

Claudia Notarnicola


  • Abschluss und PhD in Physik an der Universität von Bari
  • Lehraufträge an den Universitäten von Bari, Bozen und bei der argentinischen Raumfahrtbehörde
  • Seit 2012 Stellvertretende Leiterin des Instituts für Erdbeobachtung
  • Seit 2006 Mitwirkende beim Cassini Radar Science Teams, das insbesondere die Oberfläche des Titan analysiert

Wissenschaftliche Publikationen.

AUTOR

Valentina Bergonzi

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