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"Zero Plastic" in der Landwirtschaft?

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"Zero Plastic" in der Landwirtschaft? - © Adobe Stock/wiski

 

Wenn Plastik in den Boden gelangt, kann das mitunter gefährlich für Natur und Menschen werden. Kann die Forschung dem Problem in der Landwirtschaft entgegengewirken?

Plastikmüll schwimmt in unseren Ozeanen, wird von Tieren gefressen und verschmutzt unsere Umwelt, wobei die gesundheitlichen und ökologischen Folgen bisher ungeklärt sind.  Diesem globalen Problem widmet sich die Umweltaktivistin Magdalena Gschnitzer aus Sterzing. Im Jahr 2015 fuhr sie mit dem Rad drei Monate entlang der US-amerikanischen Westküste, um darauf aufmerksam zu machen. Während der Zeit organisierte sie Strandsäuberungen, hielt Vorträge über den Schutz der Ozeane und unterstütze dabei Organisationen wie „Sea shepherd“. Gschnitzers Aktionen zielen auf einen „Zero Waste Lifestyle“ ab, der immer populärer wird. Dahinter steckt das Bestreben, die Umwelt zu schützen und einen weiteren Eintrag, das bedeutet das Eindringen von Müll und vor allem Plastik in die Böden, Weltmeere und Gewässer, zu stoppen.

Zero Waste – und auf Deutsch?
“Zero Plastic” ist ein abgeleiteter Begriff der “Zero Waste”- als “Null-Müll”-Bewegung und meint den Verzicht auf Plastik. „Zero Waste“ bedeutet, dass Menschen versuchen Müll im Allgemeinen zu vermeiden. Beispiele hierfür sind der Ersatz von PET-Flaschen durch Glasflaschen, der Verzicht auf den Coffee-to-go Becher und die Plastiktüte beim Einkaufen. Verpackungsfreie Supermärkte eröffnen und unterstützen den verschwendungsfreien Lebensstil fernab von unserer Konsumgesellschaft. Auch in Bozen und Brixen existieren solche Einkaufsmöglichkeiten.

Plastik in der Landwirtschaft
Doch welche Ausmaße hat der Plastikeintrag in der Landwirtschaft? Der Geograph Raphael Pinheiro Machado Rehm und das Versuchszentrum Laimburg beschäftigen sich mit dieser Thematik und haben dabei festgestellt, dass der Plastikeintrag in die Böden durch die Landwirtschaft vielfältig ist. Das Plastik stammt aus den verschiedensten Bereichen. Beispielsweise werden im Obst- und Weinbau Bindematerialien aus Plastik verwendet, in der Grünlandwirtschaft Silofolien eingesetzt und im Gemüsebau- und Kräuteranbau Abdeckfolien aus Plastik zur Unkrautregulierung genutzt. Das Problem ist, dass das Plastik oder Rückstände davon häufig auf den Feldern bleibt. Der Hauptgrund dafür ist die hohe Anzahl der Produkte. Zum Beispiel werden pro Hektar Weinbaufläche 500-1.000 Lockstoff-Fallen für Insekten benötigt. Auch die Arbeit mit den Materialien hinterlässt Rückstände. Ein Beispiel ist das Schneiden von Hagelschutznetzen bei dem kleinste Fasern entstehen, die in den Boden eindringen.

Im Rahmen des Projekts “Landwirtschaft 4.0” haben Forscher des Instituts für Regionalentwicklung im Frühjahr 2019 Landwirte und Experten aus Gemüsebau, der Grünlandwirtschaft und Weinbau interviewt. Das Ziel ist durch technologische Innovationen die Arbeit Südtirols kleinstrukturierter Landwirtschaft effizienter, einfacher, ökologischer und sicherer zu gestalten. Was aus den Interviews hervorging: Die Landwirte wünschen sich biologisch abbaubare Arbeitsmaterialien.  Denn der Plastikeintrag belastet die Böden und gelangt als Mikroplastik sogar in das Grundwasser. Wie genau sich das auf die Ökosysteme und Menschen auswirkt, ist wissenschaftlich noch nicht klar. Deshalb beschäftigen sich Institute wie das Thüneninstitut in Braunschweig, die Technischen Universität München und die Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft intensiv damit.

Plastik im Boden AgriCulture Eurac Research Blogs Ellena BrandnerWie Plastik aus der Landwirtschaft in den Boden gelangt. Aus: „Plastik im Boden. Ein noch unbekanntes Problem im Obst und Weinbau?“

“Plasticplanet” – na und?
Die Ausmaße des Plastikverbrauchs sind vor allem an den Küsten deutlich sichtbar, da sich der Müll dort sammelt. Plastikflaschen, Tüten oder Flip-Flops werden vor allem nach Stürmen und starkem Wellengang angeschwemmt. Tiere fressen Teile des Plastiks, verheddern sich darin, sterben daran. Aber auch Mikroplastikpartikel, also Teilchen mit weniger als 5 Millimetern Durchmesser, stellen eine große Gefahr dar. Sie können giftige Schadstoffe enthalten und entzündliche Reaktionen bei Menschen und Tieren hervorrufen. Was bedeutet das für die Zukunft? Jährlich landen fünf Millionen Tonnen Plastikmüll im Meer. Wellen und Sonne zerkleinern sie dort stark; am Ende landen die Teilchen schließlich als Mikroplastik in unseren Ökosystemen. Sogar in der Antarktis konnten Plastikpartikel nachgewiesen werden. Wenn die Menschheit ihren Plastikkonsum nicht drastisch reduziert, findet Mikroplastik seinen Weg bald in alle Ökosysteme und damit in die Nahrungskette. Dann nehmen Tier und Mensch die Partikel praktisch regelmäßig auf.

Global denken, lokal handeln
Die Verringerung des Plastikeintrags betrifft nicht nur den Konsumenten, sondern auch die Landwirtschaft. Das internationale Forschungsprojekt ABOW widmet sich dieser Problematik bereits.  Das Ziel ist für den Wein- und Obstbau eine aufspritzbare und ökologisch abbaubare Mulchfolie zu entwickeln, um dem Unkrautwachstum entgegenzuwirken. Trotzdem müssen weitere biologisch abbaubare bzw. nachhaltige Materialien entwickelt werden, um die Natur für nachfolgende Generationen zu erhalten und unsere Umwelt und Böden zu schützen. Deshalb sollte nach dem Konzept „global denken, lokal handeln“ agiert werden. Das Problem ist nämlich, dass der Verbrauch und damit der Eintrag von Plastik in der Heimat weitläufiger ist, als man vermuten würde. Auch wenn die Folgen des Plastikverbrauchs nicht unmittelbar sichtbar und benannt sind, müssen alternative Arbeitsmaterialen von Forschungseinrichtungen oder Universitäten gefunden werden und der Müll von den Feldern durch die LandwirtInnen aktiv beseitigt werden.


Ellena BrandnerEllena ist eine Studentin der Geographie, und ihr Herzensanliegen ist die Landwirtschaft im Alpenraum. Die kennt sie nicht nur aus der Bibliothek, sondern hat sie als Hirtin mehrere Sommer aktiv gelebt. Wenn sie nicht gerade auf der Alm ist, findet man sie beim Radfahren und Kuchen essen in Bayern.

 

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