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Klimawandel: COVID-19 in Zeitlupe?

Klimawandel: COVID-19 in Zeitlupe? - © REUTERS/Ricardo Moraes TPX IMAGES OF THE DAY

Die COVID-19-Pandemie ist ganz klar die größte globale Krise und Herausforderung für unserer Gesellschaft seit dem zweiten Weltkrieg. Wie ein Tsunami ist sie mit rasender Geschwindigkeit über uns gekommen, überfordert auch die gut organisierten Systeme in Europa und wird uns, mindestens in ihren ökonomischen Folgen, noch Jahre beschäftigen.

Eine andere, schleichendere globale Krise geht unterdessen unvermindert weiter: der vom Menschen verursachte Klimawandel und die Folgen für die Umwelt und unserer Gesellschaft.

Einige Mechanismen der COVID-19-Krise und des Umgangs damit lassen sich durchaus mit dem Umgang mit dem Klimawandel vergleichen, nur dass die Klimakrise im Verhältnis in extremer Zeitlupe abläuft. Was bei COVID-19 ein Monat ist, sind beim Klimawandel Jahrzehnte.

Der Versuch einer vergleichenden Chronik in unterschiedlichen Tempi.

COVID-19 – Dezember 2019, Wuhan

Nach einer Serie von ungewöhnlichen Lungenerkrankungen wird als Ursache das neuartige Virus SARS-CoV-2 identifiziert. Es gibt erste offizielle Meldungen, die Welt ist alarmiert, Maßnahmen werden aber noch nicht getroffen.

Klimawandel, 1960-1990

Messungen des zeitlichen Verlaufs des CO2-Gehalts der Atmosphäre ab Ende der 50’er Jahre ergeben einen kontinuierlichen Anstieg der Konzentration. Ende der 80’er Jahre liegt die Konzentration mit ca. 340 ppm (parts per million) ungefähr 20% über der vorindustriellen Konzentration von 280 ppm.  Als Ursache wird von Wissenschaftlern die Verbrennung fossiler Brennstoffe identifiziert. Erste Klimamodelle prognostizieren, dass dieser Anstieg eine Erwärmung der Atmosphäre zur Folge haben wird. Eine nicht-öffentliche Studie im Auftrag von Exxon errechnet 1982 einen Anstieg der globalen Temperatur um ca. 1°C bis 2020 und um ca. 2°C bis 2050, falls die Verbrennung fossiler Brennstoffe mit unverminderter Geschwindigkeit weitergeführt würde. Tatsächlich haben wir im Jahr 2020 exakt eine globale Erwärmung um 1°C. Diese Hypothese wird in den 80’er Jahren sowohl von terrestrischen Messungen als auch von Satellitendaten bestätigt, auch wenn die Unsicherheiten noch groß sind. Die Gefahr eines erheblichen Meeresspiegelanstieg durch kollabierende Eisschilde wird bereits Ende der 70’er Jahre erkannt. Seit mindestes 50 Jahren ist der Klimawandel, seine Ursachen und die potenziellen Folgen in groben Zügen bekannt.

COVID-19 – Januar 2020

Während in China die Epidemie ihren Lauf nimmt mit mehr als 4000 infizierten und 80 Toten hofft man in Europa noch, sich gegen die Epidemie schützen zu können. Erste Fälle in Bayern werden isoliert und eine weitere Verbreitung scheinbar verhindert. Italien hat erst zwei offizielle Fälle. Später legen Modellergebnisse nahe, dass SARS-CoV-2 bereits im Januar in Norditalien zirkulierte, das Krankheitsbild aber nicht mit COVID-19 in Verbindung gebracht wurde. Am 30. Januar erklärt die WHO erstmals eine „Gesundheitliche Notlage internationaler Tragweite“.

Klimawandel – 1990 – 2000

Im November des Jahres 1988 wurde vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) und der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) der Zwischenstaatliche Ausschuss über den Klimawandel (Intergovernmental Panel on Climate Change, IPCC) eingerichtet. Regelmäßig verfasst der IPCC Sachstandsberichte, die den Wissensstand über den Klimawandel zusammentragen. Im dritten Sachstandsbericht 2001 (vor 20 Jahren!) werden unter anderem folgende Fakten (!) zusammengefasst:

  • Es gibt neue und klarere Belege, dass der Großteil der Erwärmung in den letzten 50 Jahren menschlichen Aktivitäten zuzuschreiben ist
  • Zunahme der CO2-Konzentration seit der vorindustriellen Zeit um auf 368 ppm im Jahr 2000 (Anstieg um 31±4%)
  • Mittlere globale Erdoberflächentemperatur Anstieg: um 0.6±0.2º im 20. Jahrhundert; Landmassen haben sich stärker erwärmt als die Ozeane
  • In einigen Regionen, wie Teilen von Asien und Afrika wurde in den letzten Jahrzehnten eine wachsende Häufigkeit und Intensität von Dürren beobachtet

Der IPCC berechnete im Jahr 2000 auch, wie sich das Klima weiter verändern könnte. Dabei werden verschiedene Szenarien („was wäre wenn…?“) zur weiteren Entwicklung der Konzentration der Treibhausgasemissionen bis zum Jahr 2100 berücksichtigt. Daraus ergeben für den Zeitraum von 1990 bis 2100 eine mögliche Erhöhung der mittleren globalen Erdoberflächentemperatur von 1.4 bis 5.8°C, und damit eine Erwärmungsrate, die sehr wahrscheinlich beispiellos für mindestens die letzten 10’000 Jahre ist.

Am 11. Dezember 1997 wird das Kyoto Protokoll beschlossen, teilnehmende Industrieländer verpflichteten sich, ihren jährlichen Treibhausgas-Ausstoß innerhalb der sogenannten ersten Verpflichtungsperiode (2008–2012) um durchschnittlich 5,2 Prozent gegenüber dem Stand von 1990 zu reduzieren. Während in einigen wenigen Staaten (vor allem in Europa) die Emissionen leicht zurückgingen, nahmen die globalem Emissionen 2012 gegenüber 1990 um ca. 48% zu.

COVID-19 – Februar 2020

Das SARS-CoV-2 ist in Europa, und vor allem in Italien voll eingeschlagen. Ende Februar übersteigt die Anzahl der als infiziert Gemeldeten erstmals die 1000 er Marke, ca. 30 Menschen sterben in Italien. Ab 22. Februar werden massive Maßnahmen ergriffen, in Codogno und weiteren neun umliegenden Gemeinden wurden die 50.000 dort lebenden Menschen aufgefordert, zu Hause zu bleiben. Immer noch hoffen die Meisten, die Infektion lokal beschränken zu können. Und in Südtirol? Hier geht das Leben auch Ende Februar noch relativ normal weiter. Wir sind uns einer Gefahr bewusst, es fühlt sich aber alles noch unreal, amorph an. Händewaschen, ja, nicht mehr Händeschütteln ja. Aber wir gehen weiter Skifahren, Feiern, laden Freunde ein. Wir alle konnten uns nicht vorstellen, wie es kommen würde….

Klimawandel – 2000 bis 2020

Die Situation ist in mancher Hinsicht vergleichbar mit unserer Wahrnehmung über die COVID-19-Krise Ende Februar 2020, also vor 30 Tagen, nur 30 Tagen! Der Klimawandel ist in der Realität angekommen und hat sich weiter beschleunigt. Noch befinden wir uns nicht in einer Katastrophensituation, doch machen uns die Aussichten Sorgen. Staaten, Regionen, Institutionen und Einzelpersonen diskutieren Maßnahmen zur Eindämmung der Emissionen (Klimaschutz) und zur Anpassung an die unvermeidlichen Folgen des Klimawandel, aber die Dimension dessen, was da auf uns zukommt können wir noch nicht fassen und planen Maßnahmen entsprechend zögerlich und oft nur symbolisch.

Die Treibhausgasemissionen sind in der Zeit von 2000 bis 2020 wiederum um über 40% gestiegen die CO2-Konzentration in der Atmosphäre hat ein Rekordniveau von 414 ppm erreicht, die Durchschnittstemperatur in Europa liegt mittlerweile 1,3°C über dem vorindustriellen Level, weltweit ist das Jahrzehnt 2010 – 2019 das heißeste Jahrzehnt seit Beginn der Wetteraufzeichnung. In Südtirol sind die Temperaturen seit Beginn der Aufzeichnungen im Mittel um 1,5 °C gestiegen, im Sommer sogar um 2°C. Der Sommer 2019 war der drittwärmste Sommer, am 3. Oktober 2019 wurden mit 30°C die höchsten je gemessenen Temperaturen in einem Oktober gemessen und auch der Januar 2020 lag fast 2°C über dem Durchschnitt. Dazu kommen Extremereignisse, wie zum Beispiel 29 tropische Nächte mit Temperaturen über 20°C in Bozen im Sommer 2015. Andere Extremereignisse, wie der Sturm „Vaia“ im Herbst 2018 und die Dauerniederschläge mit Schneechaos im November 2019 sind nicht eindeutig dem Klimawandel zuzuordnen, erlauben aber einen Ausblick, mit was zukünftig in Südtirol verstärkt gerechnet werden muss: Milde, feuchte Winter mit mehr Regen als Schnee, heiße Sommer mit langen Trockenperioden aber auch potentiell mit heftigeren Starkniederschlägen, ein milder Herbst mit potentiell stärker werdenden großflächigen Niederschlagsereignissen und damit verbundenen Problem und ein später Wintereinbruch mit Schnee oft erst Ende Dezember / Anfang Januar. Ein Rückgang der Wasserverfügbarkeit im Sommer, zunehmender Risiken durch Starkniederschläge, Muren und Rutschungen, Steinschlag und Felssturz auf Grund auftauenden Permafrosts, Probleme für die Landwirtschaft durch Hitze, Trockenheit und neue Schädlinge, eine zurückgehende Schneesicherheit für den Wintertourismus sowie gesundheitliche Problem durch Hitze und von Zecken oder Mücken übertragenen Krankheiten.

Die weltweiten Prognosen und Projektionen lassen nichts Gutes erahnen. Wenn die Emissionen nicht deutlich reduziert werden, muss mit einem weiteren Anstieg der Temperaturen um ca. 4-5°C bis 2100 gerechnet werden. Der Meeresspiegel würde um ca. 1m ansteigen, Extremereignisse wie Dürren weiter zunehmen.

Ist das eine Klimakatastrophe? Oder nur eine Krise? Ist hier der Vergleich mit der COVID-19-Pandemie angebracht? Global auf jeden Fall. Es wird davon ausgegangen, dass allein durch den Meeresspiegelanstieg bis 2050 ca. 300 Millionen Menschen ihre Heimat verlieren werden. Zunehmende Dürren könnten potenziell mehr als 1 Milliarden Menschen betreffen. Wenn wir nichts unternehmen. Vor der COVID-19 Pandemie wurde der Klimawandel, seine Folgen und die Kosten von Nicht-Handeln vom World Economic Forum als das bedeutendste globale Risiko für die Weltwirtschaft eingeschätzt.

Spätestens nach dem Klimaabkommen von Paris im Jahr 2015 ist sowohl wissenschaftlich als auch völkerrechtsverbindlich klar, was wir tun müssen: Wir müssen den Temperaturanstieg auf deutlich unter 2°C besser um 1,5°C gegenüber dem vorindustriellen Niveau beschränken. Das heißt, von heute an dürfen wir nur noch 0,5°C Temperaturanstieg zulassen. Das ist die wissenschaftlich begründete Kapazitätsgrenze des Planeten. Sie lässt sich begründen über unumkehrbare Schäden, die ab 1,5°C Erwärmung auftreten, wie zum Beispiel der komplette Verlust der Korallenökosysteme. Die Schäden, wenn wir dieses Ziel überschreiten, aber auch die Wege wie wir dieses Ziel noch erreichen können sind im IPCC Sonderbericht 1,5°C sauber dokumentiert.

Der einzige Weg, das 1,5°C-Ziel tatsächlich noch zu erreichen, ist, ab jetzt die Treibhausgasemissionen radikal zu senken und bis spätestens 2050 zu einer vollständigen Klimaneutralität zu gelangen. Das heißt, eine Reduktion von Treibhausgasemissionen auf null (auch wenn es sich hier um eine „Netto-null“ handelt, also geringfügige Emissionen noch zulässig sind, sofern sie an andere Stelle kompensiert werden).

Diese Strategie ist analog zu der „flatten the curve“ Strategie im Umgang mit COVID-19, in der man die maximal „zulässige“ Anzahl der Infizierten an der Kapazitätsgrenze des Gesundheitssystems orientiert.

Was das „social distancing“ bei COVID-19 als zentrale Maßnahme zur Verlangsamung der Infektion ist, ist für den Klimaschutz die vollständige Abkehr von fossilen Brennstoffen. Alle Sektoren sind betroffen, Verkehr, Energieerzeugung, Heizen, industrielle Prozesse. Diese Abkehr muss innerhalb der nächsten 5-10 Jahre erfolgen. Entsprechend fundamental müssen auch die Maßnahmen sein wie zum Beispiel: die Abkehr von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor in den nächsten 5 Jahren, umstellen des Individual- und Frachtverkehrs auf die Schiene. Einschränkung im Flug- und Schiffsverkehr so lange keine alternativen Antriebe gefunden sind. 100% Umstellen auf erneuerbare Energien im Bereiche Gebäude mit entsprechender energetischer Sanierung. Im Bereich Landwirtschaft und Ernährung die Umstellung auf regionale Kreisläufe sowie die Reduzierung des Fleischkonsums. Zusätzlich brauchen wir eine Umstellung des Konsums auf nachhaltige, langlebige Produkte die rohstoff- und energieeffizient sowie klimaneutral hergestellt werden. Von Kimaneutralität sind wir auch in Südtirol noch weit entfernt. Zwar ist auf Grund des hohen Anteils von Wasserkraft an der Energieerzeugung und des geringen Ausmaßes an industrieller Produktion das Niveau niedrig. Aber auch in Südtirol fahren wir immer mehr und größere Autos und der Treibstoffverbrauch und damit die Emissionen steigen. Außerdem tragen wir mit unserem Konsumverhalten zu Treibhausgasemissionen in anderen Teilen der Welt bei.

Vergessen werden darf auch nicht die Umsetzung von Anpassungsmaßnahmen an die unvermeidlichen Folgen. Ähnlich der Maßnahmen zum Ausbau der Krankenhauskapazitäten, um die unvermeidbaren Folgen (schwere Krankheitsverläufe) von COVID-19 abzufedern, müssen wir uns auf unvermeidbare Klimafolgen einstellen. Lokal, regional, mehr aber noch global, insbesondere in der Abfederung der Folgen für besonders betroffene Regionen in Afrika und Asien. Dabei werden auch Klimaflüchtlinge nicht ausbleiben.

COVID-19 – März 2020

Wir erleben eine globale Katastrophe nicht vorstellbaren Ausmaßes. Weltweit fast 30‘000 Tote und über 600‘000 Infizierte (Stand 28. März). Vielerorten kollabieren die Gesundheitssysteme. Wissenschaftliche Modelle lassen erahnen, dass wir den Höhepunkt der Krise noch nicht erreicht haben. In manchen Regionen stehen wir auch erst am Anfang der Krise. Schrecklich. Nach Anfangs zögerlichem Handeln aller Orten und Bedenken vor Maßnahmen, die die Wirtschaft und die Freiheit der Bevölkerung einschränken nun der komplette Lock-down, global. Doch die Maßnahmen greifen nur mit einer Verzögerung von 10-20 Tagen. Die Zahlen steigen weiter. Das Gesundheitspersonal leistet Übermenschliches. Neben der größten Gesundheitskrise wird eine globale Wirtschaftskrise vorhergesagt. Hilfsprogramme von 100den Milliarden Euro werden versprochen. Hoffen wir, dass wir alle so heil wie möglich aus dieser Situation herauskommen! Aber seien wir uns bewusst, die Welt nach COVID-19 wird eine andere sein (Es gibt kein weiter so – Hans Heiss).

Klimawandel 2020 – 2100?

Es liegt an uns, welchen Weg wir gehen. Manche Folgen des Klimawandels sind schon unumkehrbar. Auf Grund der Trägheit des Systems wird der Großteil der Südtiroler Gletscher verschwunden sein, der Meeresspiegel wird über Jahrhunderte weiter steigen, auch bei Klimaneutralität müssen wir mit Klimafolgen rechnen, aber hoffentlich noch innerhalb der Kapazitätsgrenze des Systems Erde. Wenn wir ungebremst weiter machen, werden wir ungebremst in eine globale Katastrophe schlittern. Eine Erhöhung der Durchschnittstemperatur um 5°C wird die globale Gesellschaft nicht managen können.

Was können wir nun aus der COVID-19-Krise für den Umgang mit dem Klimawandel lernen?

  • Frühzeitig reagieren! Während es bei COVID-19 ca. 10-20 Tagen dauert, bis Maßnahmen eine Wirkung zeigen, dauert es beim Klimawandel 10-20 Jahre! Lasst uns nicht im Jahr 2050 fragen, warum wir nicht früher reagiert haben…
  • Fundamentale Maßnahmen mutig angehen! War ein Lock-down bei COVID-19 vor einem Monat noch undenkbar, erscheint er jetzt als die einzige Möglichkeit, und undenkbar wie man im Februar noch Fußballspiele mit Publikum zulassen konnte. Auch im Klimawandel erscheint es undenkbar, den Flugverkehr einzuschränken, Autos mit Verbrennungsmotor in fünf Jahren zu verbieten, eine CO2-Steuer von mindestens 100 € pro Tonne emittiertem CO2 einzuführen… aber nur so können wir die Katastrophe verhindern.
  • Die Wirtschaft in eine nachhaltige, klimaneutrale Wirtschaft umbauen. Im Zuge des Wiederaufbaus der Wirtschaft während und nach der COVID-19-Krise werden weltweit mehrere Billionen Euro Wirtschaftshilfe fließen müssen. Diese sollten genutzt werden, um die dringend notwendige Transformation in eine nachhaltige, klimaneutrale Wirtschaft zu fördern, statt zur alten „Normalität“ zurückzukehren. Aus Klimaschutz-sicht macht es mehr Sinn, den Ausbau der Bahn zu fördern, statt Fluggesellschaften zu retten. Oder der jetzt stillstehenden Automobilproduktion beim Umbau in Richtung Elektromobilität unter die Arme zu greifen. Digitalisierung ist eine Schlüsselstrategie. Auf einmal sind Dienstreisen nicht nur nicht mehr möglich, sondern auch nicht mehr nötig. Und sicher brauchen wir auch mehr und besser bezahltes Personal im Gesundheits- und Sozialbereich oder an der Supermarktkasse. Interessant, dass jetzt endlich verstanden wird, dass diese Personen systemrelevant sind, und nicht (nur) Spitzenmanager. Achtung: Die Wirtschaft nach COVID-19 wird jetzt verhandelt.
  • Europäische und globale Zusammenarbeit. Die EU und die Weltgemeinschaft glänzt gerade nicht besonders bei der gemeinsamen Bewältigung der Krise, jeder versucht seine eigene Haut zu retten. Auch für COVID-19 wäre eine bessere internationale Koordination hilfreich, für den Klimawandel ist sie aber unumgänglich. Nur durch einen globalen Verzicht auf fossile Brennstoffe und die Rodung des Regenwalds können wir den Temperaturanstieg unter 1,5°C halten und auch die ökonomischen Maßnahmen (z.B. CO2-Steuer) erfordern ein weltweit konsistentes Vorgehen. Der Europäische „Green Deal“ geht hier in eine gute Richtung.
  • Wissenschaft ernst nehmen und fördern. Im Vergleich zur Klimakrise haben die Entscheidungsträger in der COVID-19-Krise zwar verspätet, dann aber doch intensiv die Wissenschaft in ihre Entscheidungen eingebunden. Jetzt sieht man kaum einen Politiker, der nicht einen oder mehrere Wissenschaftler als Berater an ihrer/seiner Seite hat. Es werden Daten gesammelt, Modelle mit Maßnahmen gefüttert, um zu verstehen, mit welchen Maßnahmen wir den Kollaps des Gesundheitssystems verhindern können und gleichzeitig die Belastung der Wirtschaft und der Freiheit der Bürger minimieren können. Genau solche Beobachtungen und Berechnungen liegen für den Klimawandel seit Jahren vor, werden gerne in Sonntagsreden, aber nur zögerlich in Entscheidungen berücksichtig. Dabei braucht es interdisziplinäre Forschung, um nicht nur den Klimawandel und die Folgen besser zu verstehen, sondern auch um sozialverträgliche und wirtschaftlich funktionierende Lösungen für Klimaschutz und Klimaanpassung zu finden. Bei COVID-19 ist aber auch die Krise unmittelbarer. Die Bilder von Särgen, die mit Militärtransportern abtransportiert werden, erzeugen einen direkten Handlungsdruck. Der Klimawandel wird nach Jahrzenten von Desinteresse seitens der Politik zwar jetzt zunehmend ernst genommen, bewegt sich aber immer noch außerhalb des 4-5 Jahres-Radars der Politik. Unbequeme Maßnahmen, von deren Folgen die Gesellschaft erst in Jahrzehnten profitiert, sind schwer zu vermitteln.

Es gibt aber auch zwei wichtige Unterschiede zwischen den beiden Krisen, mit denen ich schließen möchte:

  • Den Klimawandel können wir nicht überwinden. Es wird nicht in ein paar Monaten oder Jahren eine Impfung gegen den Klimawandel geben. Wir können ihn nur abmildern. Gleichzeitig erlaubt uns diese „Katastrophe in Zeitlupe“ im Gegensatz zur COVID-19-Krise auch ein ruhiges und geplantes Vorgehen. Die einzig wirksame Strategie ist eine langfristige Transformation. Ein Zurück zum „heute“ wird es beim Klimawandel nicht geben dürfen.
  • Und die gute Nachricht zum Schluss: Der Umbau der Gesellschaft und der Wirtschaft zu einer klimaneutralen, nachhaltigen Gesellschaft bietet enorme Chance. Für die Wirtschaft ergeben sich in den Bereichen erneuerbare Energien und Digitalisierung neue Märkte mit einem Bedarf an gut ausgebildeten Arbeitskräften. Regionale Kreisläufe stärken die heimische Wirtschaft, Elektromobilität und freier öffentlicher Nahverkehr führen zu sauberer Luft, weniger Verkehr, die Lebensqualität steigt. Wer möchte nicht in so einer Welt leben?

Bleiben sie gesund! Und zuhause!

Dieser Beitrag erschien zuerst unter dem Titel “Zwei Krisen, eine Lehre?” auf salto.bz.

Marc ZebischMarc Zebisch ist Leiter des Eurac Instituts für Erdbeobachtung und forscht seit fast 20 Jahren zu den Folgen des Klimawandels. Sein Hauptinteresse ist dabei die Bewertung von Klimarisiken auf lokaler bis nationaler Ebene als Entscheidungshilfe für die Planung von Anpassungsmaßnahmen an den Klimawandel. Neben Forschungsprojekten arbeitet er in internationalen Beratungsprojekten im Auftrag des Deutschen Umweltministerium, der Europäischen Umwelt Agentur sowie der UNEP

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