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„Mit unserer Forschung unterstützen wir Bürgermeister und Hausärzte beim Neustart“

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„Mit unserer Forschung unterstützen wir Bürgermeister und Hausärzte beim Neustart“ -

In diesen Tagen startet in Latsch die CHRIS Covid-19-Studie, die alle Gemeinden im Mittleren und Oberen Vinschgau umfasst. Für die Studie wurden zum einen rund 2.000 Personen aus den Teilnehmern der Südtiroler Gesundheitsstudie CHRIS ausgewählt – unabhängig davon, ob sie Covid-19-Symptome haben oder hatten – und mittels persönlichem Brief zu einem serologischen Test eingeladen (Blutabnahme zum Nachweis von Covid-19-Antikörpern) und zu einem Nasen-Rachen-Abstrich (der eine aktuelle Infektion anzeigt). Alle anderen CHRIS-Teilnehmer und alle Personen, die mit ihnen zusammenwohnen – Kinder mit eingeschlossen – (insgesamt rund 19.000 Menschen) werden parallel dazu eingeladen, einen kurzen Online-Fragebogen zu eventuellen Symptomen auszufüllen. Bei Verdacht auf eine Erkrankung werden die betreffenden Personen zu einem serologischen Test und einem Abstrich eingeladen.

Die Studie wird von Eurac Research gemeinsam mit dem Südtiroler Sanitätsbetrieb durchgeführt. Ziel ist es, die tatsächliche Verbreitung des SARS-CoV-2-Virus im Vinschgau zu ermitteln und zu verstehen, wie die Krankheit übertragen wird, wie lange die Immunität anhält und welche Langzeitfolgen eine Erkrankung mit sich bringt. Cristian Pattaro, Epidemiologe von Eurac Research, ist der wissenschaftliche Leiter der Studie.

Im Vergleich zu anderen Bezirken in Südtirol ist im Vinschgau die Anzahl der Corona-positiv Gemeldeten extrem niedrig. Warum eine Studie genau hier?
Cristian Pattaro:
Wir verfügen dank der schon abgeschlossenen ersten Phase der CHRIS-Studie über eine Datenbank mit detaillierten Informationen zum Gesundheitszustand von mehr als 13.000 Personen. Wir wissen über streng anonymisierte Profile, wer unter Bluthochdruck leidet, wer höhere Entzündungswerte hat oder wer unter chronischen Erkrankungen leidet. Darüber hinaus können wir auch die genetischen Profile untersuchen. Jetzt verknüpfen wir die bereits bestehenden Daten mit den neuen Befunden und erwarten uns, dass wir besser verstehen können, wie sich das Virus innerhalb von Familien überträgt, wer ein höheres Erkrankungsrisiko hat, warum jemand asymptomatisch ist, während ein anderer – möglicherweise offenbar körperlich fitter und jünger – schwere Symptome entwickelt, welches die genetischen Risikofaktoren sind und welcher Lebensstil die Erkrankung beeinflusst.

Erwartet ihr euch, viele nicht diagnostizierte Fälle von ehemals Erkrankten zu finden?
Pattaro:
Das ist schon möglich. Bislang sind in Südtirol rund 2.600 Fälle gemeldet und knapp 300 Tote; nachdem die Todesrate von Covid-19 ja nicht bei zehn Prozent liegt, bedeutet dies, dass nicht alle Fälle diagnostiziert wurden. Die in Gröden durchgeführte Studie hat gezeigt, dass sich mehr als 60 Prozent der Positiven trotz Symptomen weder an den Hausarzt noch an den Sanitätsbetrieb gewendet haben. Ohne die Studie wären diese Fälle nicht ans Tageslicht gekommen. Daher ist es plausibel, dass die Zahlen auch im Vinschgau ein wenig höher sind als die bislang bekannten. Wir erwarten uns ein paar hundert Fälle. Verdächtig ist auch, dass die ISTAT-Daten in einigen Gemeinden im Tal, etwa in Schnals und Latsch, eine deutlich höhere Sterberate zwischen Januar und Mai in diesem Jahr aufweisen als in den vergangenen fünf Jahren im Durchschnitt. Außerdem begleiten wir unsere Studienteilnehmer über ein Jahr lang. Auch wer zum jetzigen Zeitpunkt ein negatives Profil aufweist – keine Symptome oder einen negativen Testbefund hat – wird dazu eingeladen, uns einmal im Monat eventuell auftretende Symptome mitzuteilen; dazu reichen wenige Minuten, um die Informationen in der App auf dem Smartphone zu aktualisieren. Auf diese Weise können wir beobachten, wie sich die Epidemie entwickelt.

Italienweit war die Teilnahme an den durch das Gesundheitsministerium und ISTAT durchgeführten epidemiologischen Studien eher gering. Erwartet ihr euch für eure Studie mehr Engagement von der Bevölkerung?
Pattaro:
Wir hoffen es sehr. Unser Verhältnis mit den Gemeinden ist enger, und der Kontakt zu den Teilnehmern ist direkter. Sie haben uns immer sehr viel Wohlwollen entgegengebracht, und in einem kürzlichen Treffen haben auch die Hausärzte und Bürgermeister vom Tal uns gegenüber bekräftigt, wie wichtig für sie klare und wissenschaftlich fundierte Informationen sind.

Wann werden die ersten Ergebnisse da sein?
Pattaro:
Schon ab August (September, denn die Testphase wurde verlängert, Anm. d. Red.) rechnen wir, dass wir die Durchseuchungsrate genauer abschätzen können. Diese Information wird sehr hilfreich sein für die Gemeindeverwaltungen, um zu entscheiden, wie man verantwortungsvoll weitermachen kann, etwa beim Neustart in den Schulen oder im Tourismus – oder inwieweit sich eine zweite Welle im Herbst/Winter abzeichnet.

Und die Ergebnisse zur Immunität und den gesundheitlichen Folgen?
Pattaro:
Bei all jenen mit einem positiven serologischen Testbefund werden wir die Antikörper für ein Jahr lang alle drei Monate überprüfen. Das ist wichtig, um zu verstehen, ob man nach einer durchgemachten Erkrankung tatsächlich immun ist – wenn ja, wie lange – oder ob man sich erneut infizieren kann. Die ersten Daten dazu werden wir in sechs bis zwölf Monaten haben. Für die Erforschung der molekularen Mechanismen in der Entwicklung der Krankheit und die neurologischen und kardiovaskulären Langzeitfolgen von Covid-19 brauchen wir natürlich mehr Zeit.

Die italienische Version dieses Interviews ist am 11.07.2020 in der Tageszeitung „Alto Adige“ veröffentlicht worden.
Übersetzung: Laura Defranceschi


Cristian Pattaro hat einen Abschluss in Wirtschaftsstatistik der Universität Padua und einen Doktortitel in Biostatistik der Universität Mailand. Seit 2011 ist Cristian Pattaro der wissenschaftliche Leiter der Südtiroler Gesundheitsstudie CHRIS. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit liegt in der genetischen Erforschung der Nieren, wovon auch sein Twitter-Profil mit einer Fülle an spannenden Erkenntnissen zeugt.

 

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