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Besinnliche Coronazeit: Die Lehre von Oikos als Chance für Mensch und Natur

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Besinnliche Coronazeit: Die Lehre von Oikos als Chance für Mensch und Natur - © Google Cultural Institute/Pieter Bruegel il Vecchio

Bedenkzeit durch Corona. In den vergangenen Wochen wurden viele von uns aus dem Alltag gerissen. Plötzlich steht das Hamsterrad still. Wüsste man es nicht besser, man möchte meinen, eine Art Weihnachtsstimmung mache sich breit: man bleibt zuhause, es gibt mehr Momente für sich und die Familie. Es bleibt Zeit zum Nachdenken. Eine Auszeit vom ständigen „Schneller, höher, weiter“, womit die durchschnittliche europäische Bevölkerung bereits in der Schule konfrontiert ist. Angekommen im Arbeitsalltag rückt das eigentlich Wesentliche, nämlich Familie, Freunde, Gemeinschaft, nicht zuletzt das Selbst und der Sinn des Lebens, oft in den Hintergrund. Doch das war nicht immer so. Es gab Zeiten, in denen die Uhren anders tickten.

Die Lehre von Oikos

In antiken und mittelalterlichen Schriften lassen sich erste Gedanken zum Thema Ökonomik und der umfassenden Lehre von Oikos nach Aristoteles und anderen großen Denkern aus der Vergangenheit finden. Von Oikos lassen sich sowohl der Begriff Ökonomie als auch der Begriff Ökologie ableiten. Oikos steht für das „ganze Haus“. Laut Wilhelm Heinrich Riehl lässt sich diese Bedeutung heute nur mehr in traditionell bäuerlichen Familien wiederfinden (Brunner, 2014). Die Lehre von Oikos umfasst also die Gesamtheit der häuslichen Sozialordnung, die menschlichen Beziehungen und die Tätigkeiten in der teilweise autarken Haus- und Wirtschaftsgemeinschaft (Weiß, 2001). Marktprinzipien spielen eine untergeordnete Rolle. Der Handel gilt nur dann als relevant und richtig, wenn es um die Ergänzung der Subsistenzwirtschaft geht, ist jedoch abzulehnen, sobald er der Geldanhäufung dient (Brunner, 2014). Das Arbeiten im Haus und auf dem Feld, die Konservierung von Lebensmitteln, die Pflege einer Hausapotheke, Hausarbeit und Kindererziehung, der Umgang zwischen Eheleuten, Witterungskunde, Forstwirtschaft und Jagd gehören zum eigenen Oikos. Diese und weitere Aspekte erläutert Wolf Helmhard von Hohberg in „Georgica curiosa oder Adeliges Land- und Feldleben“ von 1682 (Brunner, 2014). Das Wirtschaften im bäuerlichen Sinne des „ganzen Hauses“ macht die eigene Wirtschaft und Familie krisenresistent, Tugend und Moral wirken regulativ.

Abkehr von Oikos

Heute hat ein grundlegender Paradigmenwechsel die Lehre von Oikos fast in Vergessenheit geraten lassen. Jüngere Ansätze der Wirtschaftswissenschaft stellen Markt und Handel in den Vordergrund. Oikos, wie Aristoteles ihn verstanden hatte, beginnt spätestens ab Mitte des 19. Jahrhundert zu bröckeln. Nicht zuletzt aufgrund des Wandels der Agrar- zur Industriegesellschaft. Es begann der Siegeszug der Marktwirtschaft (Thomasberger, 2016).

Industrialisierung, neue Formen der Betriebsführung und Arbeitsorganisation, Automatisierung und die zunehmende Landflucht haben das Verständnis und das Wesen des Wirtschaftens zunehmend verändert. Noch im Jahr 1950 lebten 29,6 Prozent der Weltbevölkerung in Städten. Im Jahr 2050 werden es voraussichtlich 68,4 Prozent sein. Außerdem macht die Landwirtschaft in der EU im Jahr 2018 nur mehr 1,8 Prozent der Gesamtwertschöpfung aus, der Dienstleistungssektor hingegen ganze 72,6 Prozent. Hinzu kommt eine zunehmende Veränderung der Familien- und Wirtschaftsgemeinschaft. Arbeiterinnen und Arbeitern mussten sich neuen Betriebs- und Organisationsstrukturen fügen. Die Rollenverteilung innerhalb von Familien wurde maßgeblich umgestaltet und hinzu kam eine wachsende Entfremdung von der Natur. Wirtschafts- und Familienkultur veränderten sich genauso wie die zentralen Tugenden und Werte oder das Verständnis eines guten Lebens. Das Zwischenmenschliche, die Fürsorge, der Respekt und das Verständnis für den anderen und für das eigene Umfeld schwanden zusehends. Bis heute.

Die Welt heute

Wir leben in einer anderen Welt als die Menschen von einst, die ihr Oikos liebevoll gepflegt haben. Nur mehr ein geringer Teil der Bevölkerung ist in der Landwirtschaft tätig. Ein erheblicher Teil lebt in Städten und pflegt eine komplett andere Lebensweise. Der Mensch ist in erster Linie nicht mit seiner Haus- und Wirtschaftsgemeinschaft beschäftigt, sondern stattdessen auf sich selbst konzentriert. Der individuelle Wohlstand steht im Vordergrund.

Angesichts globaler Verflechtungen erscheint unsere Welt winzig klein und dennoch ist sie von einer unheimlichen Geschwindigkeit geprägt, in der ein Großteil der Menschen kaum mehr zur Ruhe kommt. Gelegentliche Yoga-Stunden oder ein Wellness-Wochenende sind verzweifelte Versuche, einen Ausgleich zu finden. Die Zeit für Eltern, Großeltern oder Freunde ist rar. Der Arbeitsalltag gibt den Takt vor. Der Versuch der Wiedereinbettung von Wirtschaft in die Gesellschaft und somit der Arbeit in das Leben im Sinne Karl Polanyis, etwa durch smarte Formen des Arbeitens und Maßnahmen zur Gewährleistung der Work-Life-Balance, ist bislang gescheitert bzw. hat das Gegenteil bewirkt. Die ersehnten Werte aus der Lehre von Oikos – Gemeinschaft, Zusammenhalt und Rücksicht – konnten bislang nicht den gewünschten Stellenwert (zurück-)erlangen.

Corona stellt die Welt auf den Kopf. Menschen, die sonst kaum zur Ruhe kommen, werden nun dazu gezwungen. Plötzlich gibt es Zeit. Zeit für die Familie, für sich selbst und dafür, uns Gedanken zu machen über das Leben, den Alltag, die Arbeit, die unwesentlichen und wesentlichen Dinge des Lebens. Die besinnliche Coronazeit lädt – bewusst oder unbewusst – dazu ein, über Gesellschaft und Wirtschaft nachzudenken. Sie schafft Raum für Gedankenexperimente über das Potenzial vergessener Werte und Praktiken und Lösungen für die Herausforderungen unserer Zeit.

Das Nachdenken über die alteuropäische Ökonomik stellt nicht nur gegenwärtige wirtschaftliche Praktiken und Lebensstile in Frage, sondern ebenso die wissenschaftliche Disziplin der Wirtschaft, so wie sie derzeit an Universitäten weltweit gelehrt wird und wo schließlich die Entscheidungs- und Handlungsträgerinnen von morgen ausgebildet werden.

Was wir daraus lernen können

Die Lehre von Oikos bezieht sich in erster Linie auf das Leben und Wirtschaften in der Familie, dennoch stellt sich die Frage: Welche Lehren kann die Gesellschaft daraus ziehen? Auf welchen Werten soll Gesellschaft zukünftig basieren? Die Lehre von Oikos erinnert daran, dass der Mensch in seinem Wesen für gemeinsames Schaffen gemacht ist und Gesellschaften keine Zweckgemeinschaften, sondern Sozialgebilde sind, die nur dann funktionieren, wenn sie über eine gemeinsame Basis verfügen.

Welche neuen Arbeitsformen braucht es? Worin besteht faire Entlohnung? Braucht es künftig ein bedingungsloses Grundeinkommen und die 30-Stunden-Woche? Auch diesbezüglich lässt sich einiges von der Vergangenheit lernen: Wirtschaften besteht nicht ausschließlich aus Lohnarbeit, sondern ebenso aus sozialer Interaktion, aus Gemeinschaftsprojekten, Hausarbeit, Pflegearbeit, Freiwilligenarbeit und vielem mehr. Doch dafür braucht es Zeit. Zeit, die viele Menschen derzeit nicht haben. Es braucht ein verändertes Verständnis von Wirtschaft, alternative Wohlstandsindikatoren zum Bruttoinlandsprodukt und eine neue nationale oder supranationale Sozialordnung.

Bei all den Fragen, die diese Pandemie aufwirft und all den negativen Konsequenzen, die sie mit sich bringt, lehrt sie uns eines: die Menschheit hat eine Tugend nicht verlernt, nämlich eine Gemeinschaft zu sein.

Braucht es einen regulierenden Staat oder regelt sich der Markt von selbst? Welche neuen Formen kann und muss Wirtschaft annehmen, in Zeiten, in denen die Postwachstumsökonomie zur Realität geworden ist? Ökonomik hatte einst nichts mit Produktivität, Wirtschaftswachstum und Profit zu tun. Stattdessen bedeutete es, zu kollaborieren, den Nächsten und die Natur zu achten und resiliente Systeme zu pflegen. All diese Überlegungen sollen nicht heißen, dass unser globales Wirtschafts- und Handelssystem auf null zu setzten ist, aber es gibt sehr wohl einige Prozesse, die man überdenken sollte: wie steht es etwa um die Kostenwahrheit im Outsourcing von Produktionsprozessen? Die Vergangenheit lehrt uns, dass das Denken und Handeln in regionalen Kreisläufen und die Subsistenzwirtschaft eine Reihe von Vorteilen mit sich bringen und sich bestimmte Praktiken auch in die heutige Zeit übertragen lassen.

Und wie steht es um die Natur? Nachdem das Hamsterrad im Zuge der Corona Pandemie zum Stehen gekommen ist, erholt sie sich und zeigt uns in aller Deutlichkeit, wie sehr wir Menschen durch unser tägliches Tun und unseren nicht-nachhaltigen Lebensstil in sie eingreifen. Im Vergleich zu heute wurde die Natur lange Zeit als Grundlage für die menschliche Existenz geschätzt, etwas, das bislang in Vergessenheit geriet.

So what?

Zweifelsohne ist das heutige Europa nicht mit dem aus dem vorindustriellen Zeitalter zu vergleichen. Nichtsdestotrotz kann das Besinnen auf das „ganze Haus“ dabei helfen, vergessene Tugenden, Werte und Praktiken zu reflektieren. Insbesondere die Rückbesinnung auf Resilienz und Suffizienz ist Ansporn, nicht nur auf die Steigerung des individuellen Wohlbefindens abzuzielen, sondern gleichzeitig neue Weichen für eine entschleunigte und nachhaltige Gesellschaftstransformation zu stellen (Schneidewind & Zahrnt, 2013).

Bei all den Fragen, die diese Pandemie aufwirft und all den negativen Konsequenzen, die sie mit sich bringt, lehrt sie uns eines: die Menschheit hat eine Tugend nicht verlernt, nämlich eine Gemeinschaft zu sein. Darüber hinaus zeigt sie auf, dass wir die Situation nutzen sollten, um gegenwärtige Gesellschafts-, Wirtschafts- und Lebensformen zu überdenken. Die Lehre von Oikos kann dabei helfen. Schließlich gilt es baldmöglichst mit vereinten Kräften ein weiteres Virus zu bekämpfen, das ebenso weltweit zahlreiche Menschenleben fordert: den Klimawandel.


Daria Habicher, Center for Advanced Studies, Eurac ResearchDaria Habicher ist Politologin und Sozioökonomin am Center for Advanced Studies von Eurac Research. Sie ist überzeugt davon, dass das Virus uns zur Entschleunigung zwingt und das Überdenken nicht-nachhaltiger Verhaltensmuster fördert.

Literatur

  • Brunner, O. (2014). Das „ganze Haus“ und die alteuropäische Ökonomik. In (Hrsg.) Bohmann, G., Hofbauer, J., Schülein, J. A. Sozioökonomische Perspektiven. Texte vom Verständnis von Gesellschaft und Ökonomie. Facultas. Wien.
  • Schneidewind, U., Zahrnt, A. (2013). Damit gutes Leben einfacher wird. Perspektiven einer Suffizienzpolitik. Oekom Verlag. München.
  • Thomasberger, C. (2016). Der Vordenker Karl Polanyi. Die Große Transformation und die Marktgesellschaft. In: Ökologisches Wirtschaften 1.2016 (31).

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