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Covid-19 zeigt: An Grundlagenforschung zu sparen, können wir uns nicht leisten

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Covid-19 zeigt: An Grundlagenforschung zu sparen, können wir uns nicht leisten - © Eurac Research/Ivo Corrà
Forschungsvorhaben mit dem Ziel grundlegender Erkenntnis wurde in den vergangenen Jahren oft die Finanzierung gestrichen. Die Pandemie führt vor Augen, wie wichtig sie sind.

Von Julia Stauder

Am 7. Januar 2020 identifizierten Forscher in der chinesischen Stadt Wuhan den Erreger einer im Dezember davor neu aufgetretenen Atemwegserkrankung: das Coronavirus SARS-CoV-2. Es sollte sich zu einer Pandemie auszuweiten. Die Familie der Coronaviren ist seit den 1960er Jahren bekannt; in jüngster Vergangenheit hatten Verwandte von SARS-CoV-2 schon zwei Epidemien ausgelöst: SARS im Jahr 2002/2003 und MERS im Jahr 2012. Diese beiden Krankheitswellen klangen ab – und damit auch das Interesse, weitere Forschung zu finanzieren: ein Versäumnis, das Virologen weltweit jetzt kritisieren.

Nach SARS wurden Chancen verpasst

So erklärte Johan Neyts von der Internationalen Gesellschaft für Virenforschung in Belgien, die gemeinsame EU-Forschung hätte die Chance verpasst, nach der Sars-Epidemie 2003 wirksame Medikamente gegen Coronaviren zu entwickeln. Hätte man damals in diese Forschung investiert, könnte man jetzt auf diese Medikamente zurückgreifen. Investitionen im Bereich der Forschung wurden jedoch besonders nach der Finanzkrise 2008 stark heruntergefahren. Jason Schwartz, Virologe an der Universität Yale, bringt das Problem auf dem Punkt:

„SARS und MERS haben die globale Gesundheitsbedrohung durch Coronaviren gezeigt. Vielversprechende Forschungsstrategien, vor allem in der Grundlagenforschung, wurden nicht weiterverfolgt oder haben die Finanzierung verloren. Dabei hätte sie sehr wertvoll für eine schnellere Reaktion auf künftige Epidemien sein können.“

Was aber genau ist mit Grundlagenforschung gemeint? Laut Definition der OECD versteht man darunter experimentelle oder theoretische Arbeiten, die primär der Erlangung neuen Wissens über die grundlegenden Ursachen von Phänomenen und beobachtbaren Fakten dienen, ohne dabei eine bestimmte Anwendung oder Nutzung im Blick zu haben. Dieser Erforschung grundlegender Zusammenhänge sowohl in den Geistes- als auch Naturwissenschaften wird oft zu wenig Bedeutung beigemessen, denn sie erzielt selten unmittelbare Wirkung oder kann schnell wirtschaftlich nutzbare Ergebnisse vorzeigen. Doch Grundlagenforschung bildet die Basis für die Innovationen der Zukunft.

Zwischen Erkenntnis und praktischer Anwendung können viele Jahre vergehen

Das Problem dabei: diese Zukunft ist selten morgen. Gerade in der Medizin kann zwischen einzelnen Erkenntnissen und ihrer praktischen Anwendung oft sehr viel Zeit vergehen. Von der Bestimmung eines Erregers bis zur Freigabe eines Wirkstoffes dauert es oft viele Jahre, in denen Therapien gesucht und klinische Studien durchgeführt werden. Die Entwicklung des Antikörpers Ipilimumab, das heute als Medikament zur Behandlung von Hautkrebs eingesetzt wird, zeigt dies deutlich. 46 Jahre grundlegende Forschung und 433 wissenschaftliche Publikationen  stehen hinter dem Endprodukt.

Nun suchen Wissenschaftler weltweit nach einem Impfstoff für SARS-CoV-2 und nach Medikamenten gegen die Erkrankung. Auch dabei greifen sie auf bereits vorhandenes, wertvolles Grundwissen zurück, wie die Präsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Professorin Dr. Katja Becker betont:

„Auch unser jetziges Wissen über das Coronavirus sowie die Verfahren zur Diagnose und mögliche Therapieansätze bei einer Erkrankung beruhen letztlich auf den Ergebnissen solcher im besten Sinne des Wortes Grundlagenforschung.“

Welche Grundlagen sind gemeint? Über Jahrzehnte erarbeitete Fundamente der Forschung spielen jetzt eine tragende Rolle in der Bekämpfung des Virus:

Gensequenzierung des neuartigen Coronavirus: Frederick Sanger entwickelte 1977 eine Methode zur Entschlüsselung der Erbinformation von Organismen und revolutionierte damit die genetische Forschung. Heute zählt die DNA-Sequenzierung zu den fundamentalen virologischen Diagnostikverfahren, um den grundlegenden Bauplan und die Funktionsweise eines Individuums zu beschreiben. Mit diesem Verfahren wurde auch das Genom des neuartigen Virus erfolgreich sequenziert. Diese Erkenntnisse dienen nun dazu, das Virus und seine Übertragungswege zu verstehen und liefern entscheidende Informationen für die Entwicklung eines Impfstoffes.

Diagnose: Bei einem Verdacht auf eine Infektion mit SARS-CoV-2 wird dem Patienten eine Speichelprobe entnommen und das darin enthaltene Erbgut im Labor künstlich vervielfältigt. Dadurch kann bestimmt werden, ob und in welchen Mengen der Erreger in der Probe vorkommt. Die sogenannte Polymerase-Ketten-Reaktion (PCR-Methode) wurde 1983 auf Basis fundamentaler Erkenntnisse über die Struktur des Erbgutes und enzymatischer Reaktionen entwickelt und ist in den Laboren weltweit zu einer Standardmethode geworden.

Impfstoffentwicklung: Generell muss man für die Entwicklung eines Impfstoffes mit 15 Jahren rechnen. Eine Zeitspanne, die im Moment untragbar lange erscheint. Das Gute aber ist, dass die Forschung in diesem Fall nicht bei null anfangen muss und grundlegendes Wissen über Coronaviren bereits vorhanden ist. 2003 konnte die SARS Epidemie rasch unter Kontrolle gebracht werden und die Forschung an einem Impfstoff wurde daraufhin ebenso schnell wiedereingestellt. In einer Art Baukasten-Prinzip wird das damals bereits etablierte Konzept an den neuartigen SARS-Cov-2 Erreger angepasst und verkürzt die Suche nach möglichen Impfstoffkandidaten erheblich. Dennoch wird die fehlende Konsequenz in der Herstellung eines Impfstoffes gegen SARS heute wertvolle Zeit und viel Geld, vor allem aber Menschenleben kosten.

Im Februar stellte die EU-Kommission 100 Million Euro für sofortige Forschungsarbeiten zur Diagnostik, Therapeutik und Prävention von COVID-19 zu Verfügung. Einzelne Länder starten Förderungsaufrufe, um die Biologie und die Übertragung des Virus zu verstehen. Diese Krise – das Wort stammt übrigens aus dem Griechischen und bedeutete ursprünglich so viel wie Entscheidung – hat Politik und Öffentlichkeit die Wichtigkeit der Grundlagenforschung unmissverständlich vor Augen geführt. Sie sollte einen Wandel in der Finanzierungspolitik für Forschung und Entwicklung einläuten: Die jetzt zur Verfügung gestellten Mittel sollten der Startpunkt für langfristige Investitionen in die Wissenschaft sein, um Fehler wie bei der SARS-Epidemie nicht zu wiederholen.


Julia StauderJulia Stauder ist Biologin und arbeitet am Institut für Regionalentwicklung, wo sie sich vor allem mit der Interaktion Mensch – Natur auseinandersetzt. Sie hofft, dass die derzeitige Krise auch ein Denkanstoß für eine nachhaltige Entwicklung sein kann. Sie zählt sich zu den privilegierten Menschen, da sie diese Zeit in einem Haus mit Garten in den Bergen verbringen kann.

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