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Unter Schock: Volkswirtschaftliche Auswirkungen der Corona-Krise

Unter Schock: Volkswirtschaftliche Auswirkungen der Corona-Krise - © Ehud Neuhaus on Unsplash
Ein Überblick

Die Corona-​Krise hat Europa voll erfasst. Im volkswirtschaftlichen Jargon nennt man das, was aktuell passiert einen Schock. Die Besonderheit dieses Schocks ist dabei, dass er sowohl die Angebots- als auch die Nachfrageseite der Ökonomie gleichzeitig trifft. Zum einen führt die Ausbreitung des Virus dazu, dass der Tourismus zum Erliegen kommt, Unternehmen auf Werbeanzeigen verzichten, Menschen zuhause anstatt im Restaurant essen und Geschäftsreisen eingestellt werden. All diese Faktoren führen zu einer Reduktion der Gesamtnachfrage, welche die Unternehmen zu einer Reduzierung ihrer Produktion zwingt. Neben der rückläufigen Nachfrage haben Unternehmen aber auch mit angebotsseitigen Friktionen zu kämpfen. Gesetzlich verordnete Schließungen, Engpässe in den Lieferketten und Angestellte, welche nicht zur Arbeit erscheinen können, erschweren den Unternehmen ihre Tätigkeit zusätzlich.

Rezession unausweichlich

Aufgrund des Ausmaßes der Corona-Epidemie wird mit einer Rezession in ganz Europa gerechnet, also mindestens zwei Quartale mit negativen BIP-​Wachstumsraten in Folge. Von der Verwendungsseite der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) aus betrachtet, führt die Verbreitung des Virus zu negativen Effekten beim privaten Konsum. Aufgrund von auftretenden Lieferstörungen und Produktionsausfällen, wirkt sich die Krise auch negativ auf die Exporte und die Investitionen aus. Im Gegensatz dazu haben bereits mehrere Staaten Bereitschaft signalisiert, Überbrückungsmaßnahmen zur Bewältigung der Krise zu tätigen. Die erhöhten Staatsausgaben dürften den Rückgang des privaten Konsums und der Investitionen zwar etwas kompensieren, aber bei weitem nicht ausreichen, um eine Rezession zu verhindern. Aus einer produktionsseitigen Betrachtung sind nicht alle Branchen in gleichem Umfang von der Krise betroffen. Während sich die Produktion in den meisten Branchen reduzieren dürfte, wird in einigen Sektoren, unter anderem im Gesundheits-​ und Sicherheitsbereich, aber auch im IT-Bereich, teilweise sogar mehr gearbeitet.

Die wirtschaftlichen Effekte für Südtirol

Wie stark eine Region von der Pandemie betroffen ist, hängt von deren sektoraler Zusammensetzung ab. Während die Industrieunternehmen etwas weniger von den gesetzlich verordneten Maßnahmen betroffen sind, bekommen Einzelhandel und Gastgewerbe die Krise stärker zu spüren. Durch die hierzulande relativ hohe Abhängigkeit der Wirtschaft von Gastgewerbe (11 Prozent des BIP) und Handel (12 Prozent des BIP), dürfte Südtirol wirtschaftlich vergleichsweise stark von der Corona-Krise betroffen sein.

Touristen bleiben aus

Ein stark negativer Impuls für Südtirol ist dabei durch den Rückgang des Tourismus zu erwarten. Für die Südtiroler Wertschöpfung hat der Tourismus eine zentrale Bedeutung. Gemäß dem aktuellen Satellitenkonto verantwortet der Tourismus immerhin rund 13 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP). Ein Einbruch des Tourismus dürfte somit eine bedeutende Reduktion des BIP mit sich bringen.

Ein Beispiel, um die Bedeutung der aktuellen Krise für den Tourismus und Südtirols Wirtschaft zu verdeutlichen: Während der letzten fünf Jahre entfielen durchschnittlich 12 Prozent der jährlichen Nächtigungen auf die Monate März und April. Bei etwas mehr als 33 Millionen Nächtigungen im Jahr entspricht dies rund 4 Millionen Nächtigungen. Aufgrund der Corona-Krise wird vermutlich ein Großteil dieser Nächtigungen wegfallen. Angenommen, der Tourismus reduziert sich in den Monaten März und April um 90 Prozent, würde dieser Rückgang allein das Südtiroler BIP für das Jahr 2020 um rund 1.5 Prozent reduzieren. Dabei ist der Produktionsausfall von Unternehmen, welche nichts mit dem Tourismus zu tun haben, noch gar nicht berücksichtigt. Eine wirtschaftliche Rezession im Jahr 2020 ist damit unausweichlich. Das Landesinstitut für Statistik (ASTAT) geht in seinen jüngsten Schätzungen, je nach Szenario, von einem Rückgang der heimischen Wirtschaft zwischen – 1,6 Prozent und – 5,6 Prozent aus. Ein solcher Rückgang der wirtschaftlichen Aktivität wird dabei auch im historischen Vergleich bedeutend ausfallen. So nahm das reale BIP in Südtirol während der letzten Finanzkrise um “lediglich” rund 2 Prozent ab. Dies verdeutlicht, wie sehr die Corona-Epidemie der Wirtschaft zusetzen könnte.

Langfristige Auswirkungen und Maßnahmen

Die langfristigen Folgen der Corona-Krise sind schwer absehbar und hängen stark von der Dauer der Krise ab. Es gilt zu hoffen, dass es sich lediglich um einen temporären Schock handelt, welcher innerhalb kurzer Zeit abklingt. Je länger die Krise andauert desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass es zu einem Anstieg von Insolvenzen und Arbeitslosigkeit kommt. Ein Ausfall von Unternehmen wäre insofern kritisch, als dass Lieferketten unterbrochen werden könnten. Beschädigte Lieferketten würden einen Reboot der Ökonomie nach dem Abklingen der Corona-Krise erheblich erschweren. Zudem ist die aktuelle Situation für die Unternehmen ein finanzieller Kraftakt, welcher die wirtschaftliche Dynamik langfristig schädigen dürfte. Obwohl die Unternehmen den Großteil der Lohnkosten mit einer Überstellung der Mitarbeiter in die Lohnausgleichskasse an die Allgemeinheit abwälzen können, müssen sie für Kapitalkosten wie Miete, Pacht und Kreditzinsen, aber auch den Unterhalt ihrer Produktionsanlagen weiterhin aufkommen. Je nach Kapitalintensität können diese Kosten den finanziellen Spielraum der Unternehmen erheblich reduzieren. Die Gefahr besteht darin, dass Unternehmen nach dem Abklingen der Krise nicht mehr über die finanziellen Rahmenbedingen verfügen, um nötige Investitionen tätigen können. Mangelnde Investitionen führen zu einer Reduzierung des Kapitalstocks einer Volkswirtschaft und damit zu einer Verringerung dessen Produktionspotentials.

Haushalte und Unternehmen entlasten

Um ein Massensterben der Unternehmen zu verhindern, stehen mehrere Maßnahmen im Raum. Die italienische Regierung ist bereit für die Einführung von Kurzarbeit die Aussetzung von Kreditzahlungen, Liquiditätshilfen für Unternehmen, Miet-, Einkommens- und Betreuungszuschüsse für private Haushalte und die Aussetzung von Steuerzahlungen die Staatsausgaben signifikant auszuweiten. Die unterstützenden Maßnahmen sind zum einen darauf ausgelegt, dass die Corona-Krise nicht auch produktive und wettbewerbsfähige Firmen in den Abgrund reißt, zum anderen, um Haushalte mit Einkommenseinbußen zu entlasten.

Während die Formulierung und Finanzierung der Maßnahmen vergleichsweise einfach ist, wird sich eine effiziente Umsetzung der Maßnahmen als ungleich schwieriger erweisen. Um die öffentlichen Gelder möglichst nutzbringend einzusetzen, gilt es zu bestimmen, welche Haushalte und Unternehmen in welcher Form betroffen sind und zu verstehen, welche Maßnahme für welchen Haushalt und für welches Unternehmen sinnvoll ist. Um diese Aufgabe erfolgreich zu bewerkstelligen, ist zum einen ein ausgeprägtes volkswirtschaftliches Verständnis und zum anderen zeitnahe und granulare Information zur konjunkturellen Situation erforderlich. Um einen möglichst effizienten Einsatz der öffentlichen Gelder zu gewährleisten und den Schaden für die Südtiroler Volkswirtschaft größtmöglich abzuwenden, sollten jene Institutionen mit der Ausarbeitung der tatsächlichen Umsetzung der Maßnahmen betraut werden, welche über diese Kompetenzen verfügen.

Weiterer Verlauf der Krise und Ausblick

Wie lange die gesetzlichen Einschränkungen die Wirtschaft bremsen, wie schnell sich die Unsicherheit nach dem Abklingen der Epidemie legt und wann und wie wieder zu einem normalen (Geschäfts-)Leben zurückfinden, wird den weiteren Verlauf der Krise entscheidend beeinflussen. Nach dem Abklingen der Krise gilt es vor allem, einen eventuellen Unterbruch globaler Wertschöpfungsketten zu reparieren und der Bevölkerung die Furcht zu nehmen, sodass diese die Häuser verlässt und der Konsum wieder anspringt. Auf der Nachfrageseite gilt es zu hoffen, dass Unternehmen aufgeschobene Investitionen dennoch tätigen und Haushalte den verpassten Konsum zumindest teilweise nachholen. In welchem Ausmaß dies geschehen wird, hängt stark davon ab, wie sehr die Corona-Krise die Finanzen der Unternehmen und Haushalte belastet. Auf der Angebotsseite wird es von einer zentralen Bedeutung sein, wie schnell die gesetzlichen Einschränkungen aufgehoben und kaputte Lieferketten repariert werden. Insgesamt ist mit einem deutlichen Rebound der Volkswirtschaft zu rechnen, welcher die verlorene Wertschöpfung jedoch nicht zu kompensieren vermag. Für Südtirol wird es relevant sein, wie schnell der Tourismus nach Südtirol zurückkehrt oder ob die Krise Touristenströme nach Südtirol nachhaltig reduziert hat.

Letztlich kann man der Krise auch etwas Positives abgewinnen. Die aktuelle Not zwingt Unternehmen, mit alternativen Formen der Arbeit zu experimentieren. Es ist davon auszugehen, dass sich die Nutzung digitaler Möglichkeiten wie Home-Office, Videokonferenzen oder kontaktloses Bezahlen durch die Corona-Epidemie beschleunigen dürfte. Langfristig dürfte sich der Einsatz neuer Technologien und das Experimentieren mit neuen Arbeitsformen positiv auf die Produktivitätsentwicklung auswirken – auch in Südtirol.


Andreas Dibiasi, Center for Advanced Studies, Eurac ResearchAndreas Dibiasi ist Makroökonom am Center for Advanced Studies von Eurac Research. Er ist derzeit im Schichtdienst. Wenn er sich nicht mit den volkswirtschaftlichen Auswirkungen der Coronakrise beschäftigt, hütet er seine Kinder.

 

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